Inhaltszusammenfassung:
Das gesellschaftliche Wissen über Kriminalität ist in Geschichten eingebunden und wird über das Erzählen von Geschichten verbreitet. Kriminalitätsgeschichten werden nicht nur wegen der in ihnen enthaltenen Informationen gelesen und erzählt, sondern weil sie eine Moral enthalten, die im Prozeß der Rezeption lebenspraktisch gemacht werden kann. Vorgestellt wird ein von der Kriminologie bislang nicht zur Kenntnis genommenes alltägliches Geschichten-Genre, das sich der symbolischen Ressourcen des massenmedialen Diskurses bedient. Die modernen Sagen oder Wandersagen bieten dem Publikum Gelegenheit, die moralischen Bedeutungen der Medienbotschaften über„ exemplarische Geschichten" alltagsnah zu„ bebildern" und zugleich das Risiko des Moralisierens in der Erzählsituation niedrig zu halten: Analog der Situation des Klatschs reden zwei Personen über eine abwesende dritte, die hier als Anlaßperson scheinspezifisch gehalten wird, tatsächlich aber unbekannt und typisiert ist. Durch das Erfinden von Kriminalitätsgeschichten versorgt sich das Publikum nicht nur mit spektakulären Ereignissen, die das eigene Erfahrungsspektrum nicht zu bieten hat, es beteiligt sich auch auf eigensinnige Weise am hegemonialen Moral-Diskurs. Zutage treten zwei verschiedene Bedeutungen (und auch Formen) von Kriminalitätsgeschichten: Sie benennen soziale Gefahren und votieren für ihre Vermeidung, und sie bearbeiten die eigene unsichere Position in der sozialen Struktur über die Diskreditierung von Naivität, Inkompetenz und Lebensuntüchtigkeit.