Zur Rolle der kupferzeitlichen Goldmetallurgie im westlichen Schwarzmeerraum - Untersuchungen der Goldfunde aus dem Gräberfeld Varna I (Bulgarien)

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URI: http://hdl.handle.net/10900/89603
http://nbn-resolving.de/urn:nbn:de:bsz:21-dspace-896037
http://dx.doi.org/10.15496/publikation-30984
Dokumentart: Dissertation
Date: 2019-06-13
Language: German
Faculty: 5 Philosophische Fakultät
Department: Ur- und Frühgeschichte
Advisor: Bartelheim, Martin (Prof. Dr.)
Day of Oral Examination: 2016-07-07
DDC Classifikation: 300 - Social sciences, sociology and anthropology
670 - Manufacturing
930 - History of ancient world to ca. 499
Keywords: Chalkolithikum , Varna , Gold , Metallurgie , Bulgarien , Gräberfeld , Spezialisierung , Archäometallurgie , Massenspektrometrie , Röntgenfluoreszenzspektroskopie
Other Keywords: Goldmetallurgie
RFA
LA-ICP-MS
Bulgaria
Metallurgy
Cemetery
Chalcolithic
Archaemetalllurgy
License: Publishing license excluding print on demand
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Inhaltszusammenfassung:

Die vorliegende Arbeit befasst sich mit der Frage nach den Anfängen und der Rolle der spätkupferzeitlichen Goldmetallurgie am Beispiel der Goldfunde aus dem Gräberfeld von Varna in Bulgarien. Es handelt sich bei diesen Funden nach wie vor um die umfassendste Ansammlung spätkupferzeitlicher Goldgegenstände aus dem fünften vorchristlichen Jahrtausend, was innerhalb der Forschungsgeschichte vielerlei Fragen nach den Ursprüngen und der Bedeutung der frühen Goldmetallurgie aufwarf (Kapitel 1. 1). So wurden seit der Entdeckung des Gräberfeldes im Jahr 1972 einzelne Objekte untersucht, um die frühen Herstellungstechniken und verwendeten Rohmaterialien zu bestimmen sowie technikgeschichtliche und wirtschaftsarchäologische Schlussfolgerungen zu ziehen. Vergleichende Untersuchungen des gesamten Materials an Goldgegenständen aus diesem Fundplatz konnten allerdings bislang nicht durchgeführt werden. In dieser Dissertation werden nun erstmals die Objekte in ihrer Gesamtheit, auch analytisch, vorgestellt. Diese umfassende Betrachtung bietet die Möglichkeit die Rolle der kupferzeitlichen Goldmetallurgie anhand einer empirisch repräsentativen Datengrundlage zu bewerten. Dabei spielt vor allem die Evaluierung des Spezialisierungsgrades eine Rolle. Forschungsgeschichtlich wurde dieser in der Regel als sehr hoch eingestuft, ebenso wie die wirtschaftliche und gesellschaftliche Relevanz des Goldes. Doch die neuen Untersuchungen relativieren diese Interpretation. Die typologischen, technologischen und analytischen Untersuchungen zeigen, dass sich die Goldobjekte aus Varna gut durch die bereits verfügbaren Technologien und den erschlossenen Wirtschaftsraum der Zeit erklären lassen. Es scheint, als sei die Goldgewinnung und -verarbeitung im Zuge einer Vielzahl existierender Innovationen eine fast logische Konsequenz gewesen. So sind vor allem räumliche und technologische Bezüge zur Kupferverarbeitung erkennbar. In der Nähe der bekannten chalkolitischen Kupferlagerstätten befinden sich stets auch Goldvorkommen. Aber auch im gesamten Kulturraum und den angrenzenden Regionen sind mittlerweile zahlreiche Goldlagerstätten bekannt, die während der Kupferzeit durchaus eine Rolle gespielt haben könnten (Kapitel 3. 3 und 6. 4). Wahrscheinlich nutzten die Menschen der Kupferzeit Seifenvorkommen, in denen sie wahrscheinlich auch andere Rohstoffe fanden – zum Beispiel Schmucksteine wie Karneol. Die Vielzahl an Goldgruppen (Kapitel 6. 1), die in Varna identifiziert werden konnten, spricht dafür, dass das Gold an verschiedenen Orten abgebaut wurde. Viele könnten in Ost-Bulgarien gelegen haben, wie neue Prospektionen vermuten lassen. Zu nennen sind hier Sredna Gora, südlich des Zentralbalkans, das Strandžagebirge und die Rhodopen. So könnten die sehr silberreichen Goldlegierungen aus den Rhodopen stammen, vielleicht aber auch aus dem weiter entfernten siebenbürgischen Erzgebirge. Beide Goldvorkommen sind für ihre hohen Silberkonzentrationen bekannt (Kapitel 6. 4). Kulturelle Verbindungen zu diesen Regionen sind auch durch die Verbreitung typologischer Formen belegt (Kapitel 2. 2). Somit zeichnet sich – anders als in der Forschungsliteratur oft zu finden ist – kein Import des Goldes aus weiter entfernten Regionen ab. Vielmehr wird das geologische Potential Südosteuropas immer deutlicher. Ebensowenig werden zentralisierte Produktionsprozesse erkennbar. Vielmehr entsteht der Eindruck einer sehr bedarfsgebundenen Produktion der Objekte, wenn wir uns die Verteilungsmuster der verschiedenen Rohstoffgruppen innerhalb des Fundplatzes genauer ansehen (Kapitel 6. 1). Große Abnehmerkreise, die auf eine zentralisierte Herstellung der Artefakte schließen lassen würden, werden nicht erkennbar (Kapitel 6. 1. 4). Darüber hinaus kann zunächst auch kein bedeutender Austausch mit Goldobjekten, mit Varna als mutmaßlichem Zentrum der Goldproduktion, nachgewiesen werden. Die überregionale Verbreitung der Goldgruppem zeigt zwar Verbindungen zu anderen Fundorten (Kapitel 6. 1. 6). Diese müssen jedoch nicht unbedingt für eine Verbindung durch dieselben Handelsnetze von Fertigprodukten sprechen. Die Ähnlichkeiten könnten ebenso auf gemeinsame Zugangs- und Austauschrouten zu den Rohstoffvorkommen hindeuten (Karte Abb. 6. 18). Allgemein spricht die Anzahl und die Verbreitung der typologischen Gruppen und der Materialgruppen dafür, dass Gold in einem eher kleinen Maßstab gewonnen und auch verarbeitet wurde. Obwohl es in Varna in einer bisher unbekannten Vielfalt und Menge auftritt, deutet die Größe der Materialgruppen eher auf eine saisonale Arbeit ohne enormen Arbeitskräfteaufwand hin (Kapitel 6. 3 und 6. 4. 2). Eine industrialisierte, hoch spezialisierte handwerkliche Tätigkeit, wie innerhalb der Forschungsgeschichte interpretiert wurde, lässt sich nach den in Kapitel 5 definierten Maßstäben anhand der Neuuntersuchung nicht nachweisen (siehe auch Tab. 6. 4). Wesentlich ist die Erkenntnis, dass es offenbar zahlreiche Verbindungen (technologisch, typologisch und wirtschaftsräumlich) zu den anderen bekannten Materialien der Kupferzeit gibt. Vor allem Kupfer und Gesteinsgewinnung und verarbeitung geben der Goldtechnologie einen strukturellen Rahmen (Kapitel 6. 5). Alle technologischen Prozesse und auch Formen, die in den Goldobjekten von Varna ihren Ausdruck finden, sind bereits aus Kupfer und diversen Schmucksteinen und anderen Materialien bekannt (Kapitel 2. 2). Dieser Blick auf die so genannten „cross-craft-interactions“ wird seit einigen Jahren verstärkt auch für andere Kulturkreise und Technologiekomplexe untersucht. Für die Kupferzeit Südosteuropas stecken diese Betrachtungen aber noch in den Anfängen. Diese Arbeit soll daher ein erster Beitrag eines Perspektivwechsel bieten, der die Besonderheit der Goldobjekte zunächst relativiert, um das „Wie“ und „Warum“ der frühesten Verarbeitung des Edelmetalls hoffentlich besser verstehen zu können. Dass es sich bei den kupferzeitlichen Goldobjekten aus Varna nicht so sehr um Güter eines wirtschaftlichen Austauschs handelte, macht ein Blick auf die Verbreitung der Goldfunde klar. Ein profaner Bezug – als Schmuckstücke oder persönliche Besitztümer – lässt sich nur für sehr wenige und in der Regel sehr kleine Objekte feststellen. Die meisten Goldgegenstände erfüllten wohl eher einen religiösen Zweck. Sie wurden in unterschiedlichen Deponierungen niedergelegt, die keine Bestattungen waren. Die Verschiedenartigkeit dieser Deponierungen lässt auf eine vielschichtige Glaubenswelt schließen, in der Gold, vielleicht unter anderem als Gabe an die Götter, eine wichtige Rolle spielte. Interessant ist hierbei, dass nach der neuesten feinchronologischen Auswertung, die goldreichen Befunde, sozusagen den Abschluss des Gräberfeldes zu markieren scheinen (Kapitel 6. 1. 7). Dieser wird derzeit auf etwa 4 300 v. Chr. datiert und somit etwas vor dem Ende der kulturellen Hochphase des gesamten KGK VI-Komplexes. Um etwa 4 200 v. Chr beginnt in Ost-Bulgarien ein etwa tausend Jahre andauernder Hiatus – die Tellsiedlungen werden verlassen, die Bevölkerung wird dezimiert und die archäologischen Spuren sind entsprechend spärlich. Die Gründe hierfür sind noch wenig erforscht. Neue Paläoklima-Untersuchungen weisen einen starken Kälteeinbruch zu dieser Zeit nach. Im Zuge eines so genannten „rapid climate change“ könnte sich die Wirtschaft und die Lebensgrundlage der Menschen so radikal verändert haben, dass es zu dem kulturellen Niedergang kam, wie wir ihn in den archäologischen Quellen vorfinden (Kapitel 6. 5). Vielleicht waren die ersten Auswirkungen dieser Klimaveränderung bereits spürbar, als in Varna die opulenten Niederlegungen mit den vielen Goldbeigaben angelegt worden waren. Mit ihnen könnte die Gemeinschaft versucht haben, Beistand bei den Göttern zu erbitten, um das nahende Unheil abzuwehren. Doch die genauen Ursachen für die kulturelle Zäsur und die reichen Niederlegungen aus Varna sind noch nicht abschließend geklärt. Auch die Untersuchung der Goldgegenstände kann hierzu nur einen kleinen Beitrag leisten. Denn Betrachtungen einer einzigen Materialgruppe bieten nur einen sehr begrenzten Einblick in das Leben vergangener Gesellschaften. Die verschiedenen Analysen und forschungsgeschichtlichen Erkenntnisse erlauben mittlerweile allerdings das gesellschaftliche Handlungsfeld der Goldverarbeitung und -verwendung genauer zu beleuchten, auch wenn es noch einige Lücken zu schließen gibt. So wären für die Zukunft noch weitere Spurenelementanalysen wünschenswert, um die Verbindungen der Goldfunde aus den verschiedenen Deponierungen genauer herauszuarbeiten. Diese konnten hier fast nur anhand der RFA-Ergebnisse skizziert werden, die aber eine valide Datengrundlage für eine weitere Probenauswahl zur Spurenelementanalyse bietet. Kulturgeschichtlich wären weiterhin überregionale Vergleiche erstrebenswert. Hierzu bietet die vorgelegte Arbeit hoffentlich ebenfalls eine gute Grundlage. Vor allem die Verbindungen zum siebenbürgischen Erzgebirge mit seinen silberreichen Goldvorkommen, ebenso zu den Rhodopen und Nord-Griechenland sind für das fünfte vorchristliche Jahrtausend noch wenig untersucht. Vor allem in Rumänien gibt es aber zahlreiche typologische Vergleichsfunde, für die weiterführende Untersuchungen spannend wären. Die Vernetzungen, die in dieser Arbeit mithilfe von Materialvergleichen, technologischen Gemeinsamkeiten und der Verbreitung von Geräte- und Schmuckformen erkennbar werden, liefern interessante Einblicke in den Austausch prähistorischer Menschen. Die Goldobjekte sind dabei viel mehr als reine Wirtschaftsgüter oder „Speichermedien“, die uns etwas über die technologische Versiertheit vergangener Kulturen berichten. Sie transportierten Botschaften und erfüllten gesellschaftliche Funktionen. Doch je älter die Artefakte sind, desto fremder werden sie uns und ihre Bedeutung zu entschlüsseln wird damit immer schwieriger. Umsichtige Analysen und verschiedene Blickwinkel können dabei helfen, zahlreiche Aspekte des sozialen Handelns, das mit diesen Objekten verbunden war, wieder zu rekonstruieren. Allerdings hängen unsere Schlussfolgerungen von den Maßstäben und Modellen ab, die wir für die Interpretation anlegen. Und so ist auch die vorliegende Arbeit eng an Vorstellungen geknüpft (hier im Speziellen arbeitsorganisatorische und gesellschaftliche), mit denen die prähistorische Realität vielleicht nur schwer vergleichbar ist. Daher bietet diese Dissertation auch keine abschließende Antwort auf die Frage nach der „Rolle der kupferzeitlichen Goldmetallurgie im Schwarzmeerraum“ – vielleicht aber einen neuen Blick auf das Thema und eine neue Diskussionsgrundlage. 

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