Die Umwelt des World Wide Web. Bildung für nachhaltige Entwicklung im Medium World Wide Web aus pädagogischer und systemtheoretischer Perspektive

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URI: http://nbn-resolving.de/urn:nbn:de:bsz:21-opus-45726
http://hdl.handle.net/10900/47720
Dokumentart: Dissertation
Date: 2008
Language: German
Faculty: 6 Wirtschafts- und Sozialwissenschaftliche Fakultät
Department: Erziehungswissenschaft
Advisor: Grunder, Hans-Ulrich (Prof. Dr.)
Day of Oral Examination: 2008-09-29
DDC Classifikation: 370 - Education
Keywords: Nachhaltige Entwicklung , Hochschulbildung , Medienpädagogik , Mediendidaktik , Medientheorie , Bildungsforschung , World Wide Web , E-Learning
Other Keywords: Bildung für nachhaltige Entwicklung , funktionale Äquivalenzanalyse , rekonstruktive Sozialforschung , differenztheoretische Textanalyse , Internet
Education for sustainable development , E-learning , Systems theory , Educational research , Qualitative social research
License: Publishing license excluding print on demand
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Inhaltszusammenfassung:

Im Spiegel des World Wide Web (WWW) zeigt sich die moderne Gesellschaft als unberechenbar und polykontextural. Fortlaufend werden neue Perspektiven und Kontexte aufgespannt, die keine eindeutige Orientierung, etwa in Richtung einer nachhaltigen Entwicklung, zuzulassen scheinen. Doch genau darin liegen Chancen einer Bildung für nachhaltige Entwicklung (BnE): So ermöglicht der didaktische Einsatz des WWW etwa das Beobachten und Erleben der polykontexturalen Verhältnisse der modernen Gesellschaft - in der psychischen und sozialen Umwelt des Netzes. Das Wissen um eine ungewisse Zukunft und paradoxe Beobachtungen fordern die Internetnutzer im Idealfall zu einem konstruktiven Umgang mit dem immer größer scheinenden Nicht-Wissen heraus. Doch Vorsicht: Auch dies ist nur eine Beobachtungsmöglichkeit von vielen! Aus Sicht der soziologischen Systemtheorie kann das World Wide Web als soziales System betrachtet werden, dessen Eigenarten sich mithilfe von Luhmanns Theorie sozialer Systeme analysieren lassen. Unter dieser Voraussetzung ist der Titel der vorliegenden Arbeit zweifach zu deuten: Wie wird im Medium WWW über Umwelt(en) kommuniziert und wie ist das System WWW an seine (relevante) Umwelt gekoppelt? Hinsichtlich der Beantwortung dieser Fragen spannt der Text zwei unterschiedliche Beobachtungsräume auf, die nicht ohne weiteres kompatibel erscheinen: Eine (system-)theoretische und eine pädagogisch-empirische Perspektive auf das Thema. Diese beiden Perspektiven lassen sich nicht deckungsgleich überlagern. Es handelt sich vielmehr um zwei „Brillen“, mit denen BnE im Medium WWW jeweils anders betrachtet werden kann und damit auch um unterschiedliche Optionen für anschließende Beobachtungen. Dem Text liegt die Unterscheidung zwischen Beobachtung erster Ordnung und Beobachtung zweiter Ordnung zugrunde. Der aktuelle Forschungsstand und die sog. Mehrwertdiskussion zu E-Learning- und Blended-Learning-Angeboten im Bereich der BnE lässt sich als Beobachtung erster Ordnung auffassen. Das Beobachten dieser Beobachtungen (die Beobachtung zweiter Ordnung) findet anschließend auf zwei getrennten Ebenen statt, mithilfe der o. g. „Brillen“ der Systemtheorie und der empirischen Sozialforschung. Zunächst bietet die systemtheoretische Perspektive Antworten auf die Frage, wie Forschende und Akteure E-Learning und Blended Learning im Rahmen einer BnE beobachten, d.h. welche Unterscheidungen dabei benutzt werden. Weiterhin lässt sich zeigen, wie der Einsatz des World Wide Web in der Bildung für nachhaltige Entwicklung anders beobachtet werden kann und welche für BnE relevanten Funktion(en) das Medium dabei erfüllen könnte. Die in der Mediendidaktik häufig als Nebeneffekt bezeichnete gesellschaftliche Funktion des World Wide Web wird dabei besonders fokussiert und beleuchtet. Aus Perspektive der empirischen Sozialforschung stellt sich die Frage: Wie beeinflusst das WWW Nachhaltigkeitskommunikation im Rahmen einer BnE? Dazu erfolgt die Darstellung und Auswertung einer empirischen Untersuchung von webbasierten BnE-Lehrveranstaltungen. Die Autorin hat sie in Form von qualitativen Experimenten an Fachhochschulen in Baden-Württemberg durchgeführt. Beide Beobachtungsmöglichkeiten (die systemtheoretische wie die empirische) stehen einerseits für sich, lassen sich jedoch auch als zwei Seiten einer Beobachtung leitenden Differenz betrachten: der Unterscheidung von Medium und Form. Das World Wide Web kann auf beiden Seiten dieser Differenz verortet werden. Es ist sowohl als Medium als auch als Form beschreibbar. Als Medium stellt das WWW ein didaktisches (und meist unter dem technischen Aspekt genutztes) Hilfsmittel für BnE dar, das bestimmte Formen von BnE realisierbar macht – oder weniger dinghaft formuliert: Es handelt sich um einen erweiterten Möglichkeitsraum (im Sinn einer Menge homogener, lose gekoppelter Elemente), in dem sich Formen einer BnE (als strikter gekoppelte Elemente) verwirklichen lassen. Als Form bildet das WWW ein soziales System, das spezifische Möglichkeiten der strukturellen Kopplung an andere Systeme bietet, etwa in Bezug auf BnE (als Teil des Bildungs- und Erziehungssystems) als auch in Bezug auf die einzelnen Nutzer (als psychische Systeme). Die Betrachtung des WWW als Sozialsystem impliziert jedoch vor allem die operationale Geschlossenheit und Selbstorganisation der jeweiligen Systeme, die sich einer Kontrolle oder gezielten Steuerung von Personen im pädagogischen Kontext prinzipiell entziehen. Der Schwerpunkt aktueller Forschung zum Einsatz neuer Medien in der BnE liegt auf empirischen (Bildungsforschungs-)Ansätzen. Begleitend dazu bietet die vorliegende Arbeit eine Möglichkeit der theoretischen Reflexion und Fundierung solcher Forschung an. Die darauf aufbauende Verknüpfung von rekonstruktiver Sozialforschung und Systemtheorie zeigt eine bislang selten genutzte Möglichkeit, das Theoriegebäude Luhmanns für die empirische Bildungsforschung aufzuschließen.

Abstract:

In the mirror of the world wide web (www) modern society appears unpredictable and polycontextural. The permanent construction of new perspectives and contexts does not allow a clear orientation as for example towards sustainable development. But just this complexity may create opportunities for education for sustainable development (ESD): for instance, the didactical use of the www allows for the observation and experience of the polycontextural conditions of modern society - via the psychical and social environment of the net. In the best of cases the knowledge about an uncertain future and paradox observations banter the internet user for a constructive handling of the apparently snowballing nescience. But attention: That is as well only one observation possibility of many. The world wide web can be described as a social system and can therefore be analysed by Luhmann’s sociological systems theory. On that condition the title of the present dissertation is to be interpreted in two different manners: What characterises communication about environment in the medium world wide web and how is the system world wide web coupled to its respective environment? In order to answer these questions the text extends two different spaces of observation that do not seem to be compatible: a (systems-) theoretical and a pedagogical-empirical perspective on the issue. These two perspectives cannot be merged easily and congruently. Rather, they represent two ‘lenses’ with which ESD in the medium www can be observed differently in each case, and they offer different options for subsequent observations. The difference between first and second order observation forms the basis of this investigation. In the area of ESD, the current state of research and the so-called added-value discussion about e-learning and about blended learning offers can be regarded as first order observations. The subsequent observation of these observations (the second order observation) takes place on two levels: through the lens of systems theory as well as empirical social research. First, the systems-theoretical perspective offers answers to the question of how researchers and protagonists observe e-learning and blended learning in the context of ESD, that means what distinctions are drawn by them. Furthermore, it can be demonstrated how the use of the world wide web may be observed differently and what relevant function(s) the medium may fulfil for ESD. The social function of the world wide web, which media didactics often call a side effect, will particularly be illuminated and focused on. From the point of view of empirical social research the question arises: How does the www influence communication about sustainability in the context of ESD? To answer this question an empirical investigation of web-based ESD courses is analysed. The author has conducted those qualitative experiments at universities of applied sciences in Baden-Württemberg. On the one hand, both observation options (the systems-theoretical one and the empirical one) stand on their own, but they may also be regarded as two sides of an observation-guiding difference: the distinction of medium from form. The world wide web may be located on both sides of this difference. It can be understood both as a medium and as a form. As a medium the www constitutes a didactical (and technically used) tool for ESD that makes certain forms of ESD viable. Expressed less ontologically: it represents an extended space of options (in the sense of a quantity of homogeneous, loose coupled elements), in which forms of ESD (as stricter coupled elements) may be realised. As a form the www represents a social system that offers specific options of structural coupling to other systems, for example concerning ESD (as part of the educational system) and concerning individual users (as psychical systems). Regarding the www as a social system however implies operational closure and self-organisation of the respective systems that have the property to elude any purposeful controlling of persons in educational contexts. The main focus of recent research concerning the use of new media for ESD is on empirical approaches to educational research. The present work is complementary as it offers the opportunity to theoretically reflect, ground, and confirm the very research. The combination of reconstructive social research and systems theory closes a research gap and reveals the potential of unlocking Luhmann’s theory for empirical educational research.

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