Kulturelle Reproduktion, Aneignung und Deplatzierung im sozialen Raum literarischer Welten

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URI: http://nbn-resolving.de/urn:nbn:de:bsz:21-opus-72083
http://hdl.handle.net/10900/47113
Dokumentart: PhDThesis
Date: 2013
Language: German
Faculty: 5 Philosophische Fakultät
Department: Germanistik
Ethnologie
Advisor: Kimmich, Dorothee (Prof. Dr.)
Day of Oral Examination: 2013-12-17
DDC Classifikation: 800 - Literature and rhetoric
Keywords: Praxeologie , Literaturwissenschaft , Kulturwissenschaften , Macht , Gewalt , Kulturwandel , Reproduktion
Other Keywords: Bourdieu , Deplatzierung , Distinktion , biographischer Umbruch
misplacement , distinction
License: http://tobias-lib.uni-tuebingen.de/doku/lic_mit_pod.php?la=de http://tobias-lib.uni-tuebingen.de/doku/lic_mit_pod.php?la=en
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Inhaltszusammenfassung:

Die interdisziplinäre Dissertation geht der Frage nach, inwieweit literarische Werke mit dem thematischen Inhalt interkultureller Kontakte und Konflikte Spielräume für soziale Versuchsanordnungen bilden können, die auf die tatsächliche soziale Welt verweisen. Die Arbeit umfasst sowohl interpretative Elemente bezüglich der ästhetischen Darstellung als auch abstrahierende hinsichtlich kulturwissenschaftlich relevanter Erkenntnisse. Zunächst wird der literaturwissenschaftliche Gebrauch des Kulturbegriffs einer kritischen Betrachtung unterzogen. Die literaturwissenschaftliche Konzentration auf AutorInnen mit einer über die nationalstaatliche Grenzüberschreitung definierten Migrationserfahrung hat dazu geführt, dass auch die kulturelle Grenze oftmals implizit in nationalem Rahmen gedacht wurde. Dieser Umstand, aber auch die Einführung von Hilfskonzepten, wie etwa das der Transnationalität, die mit ihrem Fokus auf kulturelle Vereinbarungen tendenziell Gewalt- und Machtrelationen vernachlässigen, werden kritisch beleuchtet. Im Zuge der Auseinandersetzung mit der nationalen Akzentuierung des Kulturbegriffs im Allgemeinen, widmet sich die Arbeit sodann der Rezeption von Pierre Bourdieus Werk im Besonderen. Aufbauend auf der kritischen Betrachtung des Werks von Bourdieu entwickelt die Arbeit im Weiteren ein Analyseinstrumentarium für die Sozioanalyse literarischer Texte. Im Zuge dessen werden auch einige theoretische Modifikationen des bourdieuschen Ansatzes vorgeschlagen. Dem praxeologischen Ansatz Bourdieus folgend steht die dynamische Beziehung zwischen kulturellen Ausprägungen (Wahrnehmungs-, Denk- und Handlungsschemata) und der sozialen Praxis im Mittelpunkt. Es wird der Frage nachgegangen, wie Kultur reproduziert und praxisstrukturierend durchgesetzt wird beziehungsweise auch, wie die soziale Praxis auf Kultur justierend rückwirkt, wenn etwa kulturell verinnerlichte Wahrnehmungs-, Denk- und Handlungsschemata nicht weiter in der Praxis operabel sind. Der Kontext der Gewaltausübung und das Machtgefälle werden dabei immer mitbedacht. Die Sozioanalyse wird umfassend am Beispiel von Uwe Timms Der Schlangenbaum, Sherko Fatahs Das dunkle Schiff und Yasmina Khadras Die Sirenen von Bagdad durchgeführt. Gerade im Kontext der in den Romanen behandelten kriegerischen Erschütterungen des Sozialgefüges und der Migrationsbewegungen zeigt sich, wie kulturelle Ausprägungen herausgefordert, und so einerseits Momente des (potentiellen) Wandels angestoßen werden, andererseits aber auch auf verinnerlichten kulturellen Ausprägungen beharrt wird. Dadurch sowie durch das Scheitern dieser Strategien der kulturellen Reproduktion beziehungsweise Aneignung lässt sich nachzeichnen, wie sich bei den Figuren biographische Umbrüche mit ihren Zuständen der Deplatzierung ergeben. Diese und ihre Formen der literarischen Repräsentation stehen im Mittelpunkt der sozio-kulturellen Textanalyse.

Abstract:

The interdisciplinary dissertation follows the question to what extent literature that deals with inter-cultural contacts and conflicts can be seen as a laboratory for social arrangements that refer to the actual social world. The thesis contains interpretative elements concerning the aesthetic presentation and abstract elements concerning conclusions in the field of social/cultural anthropology. First a critical view of the use of the culture-term within the literary studies is developed. In correlation with inter-cultural contacts and conflicts, the literary studies mainly focus on authors who crossed national borders permanently. This has led to the assumption of a congruent national and cultural border. This assumption and furthermore the introduction of new concepts like the transnational approach are criticised. The national preemphasis of the cultural term and the associated critics are then contextualised with the reception of Pierre Bourdieus work. Based on the critical examination of Bourdieus work I propose certain theoretical modifications and define the analytic instruments and terms for a socio-cultural text analysis. Following the praxeological approach of Bourdieu and his focus on distinction, the dynamics between cultural shapes (modes of perception, thought and activity) and the social praxis are central to the analytic procedure. The context of violence and power-imbalance is immanent. Questions are: How is culture reproduced and how does it then form the praxis? How does the social praxis influence the incorporated cultural shapes when they are no longer appropriate or functional in changed social settings? But also, how are such processes restrained, how and why do they fail? The analytical instruments and terms are tested on the basis of Uwe Timms Der Schlangebaum, Yasmina Khadras Die Sirenen von Bagdad and Sherko Fatahs Das dunkle Schiff. The narrated wars and migrations provide good examples of how incorporated cultural shapes are challenged within destabilised social arrangements. In situations of social instability, moments of (potential) cultural change can emerge – just like an increased effort to keep the incorporated cultural modes of perception, thought and activity practically working. The failing of such attempts result in biographical impositions with their conditions of misplacement. These (failing) efforts of cultural reproduction respectively adoption and their forms of representation are the main focus of the socio-cultural text analysis.

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