Poetische Geschichte - Zum Geschichtsverständnis Hamanns, Herders und Novalis'

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URI: http://nbn-resolving.de/urn:nbn:de:bsz:21-opus-13502
http://hdl.handle.net/10900/46238
Dokumentart: Dissertation
Date: 2003
Language: German
Faculty: 5 Philosophische Fakultät
Department: Sonstige - Neuphilologie
Advisor: Kemper, Hans-Georg
Day of Oral Examination: 2003-08-25
DDC Classifikation: 800 - Literature and rhetoric
Keywords: Geschichtsphilosophie , Dichtung <Begriff> , Herder, Johann Gottfried von , Novalis , Geschichte
Other Keywords: poetische Geschichte , Hamann, Johann Georg , Historismus , Analogie , Analogieschluss
poetic history , historicism , analogy
License: Publishing license excluding print on demand
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Inhaltszusammenfassung:

Die Entstehung der deutschen Geschichtsphilosophie im ausgehenden 18. Jahrhundert wurde von einer heftigen Debatte über das Verhältnis von Geschichte und Poesie begleitet. Dabei entstand neben der maßgeblich von Kant beeinflussten historisch-kritischen Ausrichtung auch eine zweite Linie, die eine poetische Geschichtsauffassung vertrat. Die spätestens im New Historicism wieder aufgegriffene Grundidee einer poetisierten Geschichte und der heute allgemein anerkannte hermeneutisch-historistische Ansatz der Geschichtswissenschaft wurden besonders von drei großen Geistern dieser Zeit mitgeprägt: Von Johann Georg Hamann, Johann Gottfried Herder und Friedrich von Hardenberg, auch Novalis genannt. Herder und Novalis stehen als Dioskurenpaar im Mittelpunkt dieser Arbeit über die Entstehung der poetischen Geschichtsauffassung. Als wichtigster Anreger Herders wird außerdem Hamann hinzugenommen, dessen geschichtsphilosophische Ideen noch so dürftig erforscht sind, dass seine diesbezüglichen Gedanken jeweils in einem eigenen Kapitel den anderen vorangestellt werden. Herder und Novalis genießen heute, jeder in "seinem Bereich", nicht nur bei den jeweiligen Fachwissenschaftlern ein hohes Ansehen: Herder gilt den Historikern und Philosophen als der Vater des Historismus oder allgemeiner als einer der "größten und wirksamsten unter den ersten Wegbahnern des neuen historischen Sinnes im achtzehnten Jahrhundert." Und nicht nur Novalis' Bild von der Blauen Blume, sondern auch sein Name wurde zum Symbol für die Poesie. Aber wie steht es mit dem Historiker Novalis und dem Poeten Herder? Die Historiker und Philosophen, die sich auf Herder beziehen, vergessen meist den poetischen Teil seiner Geschichtsphilosophie und dem Werk des Romantikers Hardenberg wird ebenso oft jeglicher wissenschaftlich-historische Gehalt abgesprochen. Mit dieser einseitigen Betrachtung widerfährt jedoch beiden das gleiche Unrecht, denn im Grunde - so die Hauptthese meiner Arbeit - haben beide dasselbe geschichtsphilosophische Ziel: die poetische Geschichte. Beide verbinden den Anspruch historischer Wahrhaftigkeit mit einem neuen spezifisch poetischen Erkenntnisweg in der Geschichtsforschung und -schreibung. Und nur der Dichter kann für sie die "höhere Wirklichkeit" oder den Zusammenhang aller Dinge (KH VI 161f) erfassen und vermitteln. Das Werkzeug hierzu bildet die Analogie, welcher beide den höchsten Erkenntnischarakter zusprechen. Diese zentralen Punkte der Übereinstimmung zwischen Herder und Novalis finden sich aber auch schon bei Hamann, weshalb seine Leistung auf diesem Gebiet hier erstmals mit gewürdigt werden soll. Am poetischen und philosophischen Werk dieser drei Autoren soll folglich die Geburt einer neuen Geschichtsphilosophie aus dem Geist der Poesie aufgezeigt werden. Der direkte Vergleich der Geschichtsbilder Hamanns, Herders, Schlegels und Novalis‘ zeigt eine deutliche Entwicklungslinie von Hamann über Herder bis zu Novalis, die der hier vertretenen Grundthese einer eigenen Tradition des poetischen Geschichtsverständnisses vollständig entspricht. Hamanns Einfluss erweist sich in diesem Zusammenhang als erheblich bedeutender, als dies in der aktuellen Forschung angenommen wird. Alle drei genannten Autoren postulieren vehement die Einheit von Verstand, Empfindung und Einbildungskraft und stellen sich somit gegen die einseitige Überbetonung der Vernunft als historisch-kritischen Maßstab. Ebenso herrscht Einigkeit über die zentrale Rolle der Analogie für die wahre historische Erkenntnis, die Vergleichbarkeit der individuellen Mikro- mit der allgemeinen Makrogeschichte, die Vorbildfunktion des Alten Testaments, die prophetische Aufgabe des Historikers, die Ablehnung reiner Faktensammlungen und den Anspruch eine pragmatische, weil belehrende Geschichte zu schreiben. Herder und Hamann eint außerdem ihr Vertrauen in den hermeneutischen Zugang zur Geschichte und in die Lenkungsfunktion eines göttlichen Planes sowie die Vorstellung von Gott als dem Urbild des Historikers. Herder und Novalis wiederum teilen den Glauben an eine gewisse, wenn auch nicht konstante und stringente Höherentwicklung in der Geschichte, das beherrschende Prinzip der Anthropologie, das Ideal einer objektiven Geschichtsschreibung und die Vorbildfunktion Shakespeares auch für den Historiker.

Abstract:

The establishment of a German philosophy of history in the late 18th century was accompanied by a lively discussion on the correlation between history and poetry. Next to Kant‘s historical-critical school of thought a second conception was developed with a poetic view on history. Three important philosophers of the late 18th and early 19th century, Johann Georg Hamann, Johann Gottfried Herder, and Friedrich von Hardenberg, also called Novalis, had a major influence on the idea of a poetic history and the hermeneutic-historical concept of history, both of which are widely acknowledged today, e.g. by the school of New Historicism. The main focus of this work will be on Herder and Novalis and the establishment of a poetic view on history. Hamann‘s philosophic ideas on history, which have so far been neglected by research, were an influential stimulation to Herder and will be dealt with in separate chapters. Today Herder and Novalis are held in high regard: For historians and philosophers alike Herder is the "father of historicism" and Novalis' image of the blue flower, and in turn his own name, has become a symbol for poetry. But what about the historian Novalis and the poet Herder? Historians and philosophers who relate to Herder usually lose sight of the poetic part of his philosophy of history and the work of the romantic writer Novalis is mostly denied any scientific historical acknowledgement. With this one-sided way of looking at things, however, both are done injustice to, because - and this is the main argument of the work at hand - they both had the same aim: a poetic history. Both claim to give historic truth but in a specific way, new to the science of history. For them only the poet can understand and express the "higher essence of reality" or the "interrelation of all things". A tool to achieve this is analogy. These central points of agreement between Herder and Novalis can, however, already be found in Hamann’s work. In the work of these three writers the birth of a new philosophy of history based on the poetic spirit can be shown. The direct comparison of Hamann's, Herder's, and Novalis' ideas on history shows an unmistakable line of development from Hamann, via Herder to Novalis, which gives evidence for the existence of a distinct tradition of a poetic historic conception. In this context Hamann's influence seems to be significantly more important than hitherto believed. All of the three writers insist on the unity of reason, emotion, and imagination and thus challenge the one-sided emphasis on reason in historiography. Moreover they agree on the role of analogy for historical understanding, on the comparability of the individual microhistory with the overall macrohistory, on the exemplary function of the Old Testament, on the prophetic work of the historian, on the rejection of a pure collection of facts, and on the claim to write a pragmatic, because didactic, history. Apart from that Herder and Hamann are united by their confidence in a hermeneutic access to history and in the guidance by a divine plan, as well as the idea of God as the prototype of the historian. Herder and Novalis, on the other hand, share the idea of a certain, even if not constant and consistent, improvement in history. Furthermore they both believe in the ruling principle of anthropology, in the ideal of an unbiased historiography, and in the exemplary function of Shakespeare not only for the poet but for the historian as well.

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