Die Begutachtung verfolgungsbedingter Störungen von Holocaustüberlebenden im Rahmen von Verschlimmerungsanträgen

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URI: http://nbn-resolving.de/urn:nbn:de:bsz:21-opus-45731
http://hdl.handle.net/10900/45600
Dokumentart: PhDThesis
Date: 2010
Language: German
Faculty: 4 Medizinische Fakultät
Department: Sonstige
Advisor: Foerster, Klaus (Prof. Dr.)
Day of Oral Examination: 2008-11-06
DDC Classifikation: 610 - Medicine and health
Keywords: Entschädigung , Organische Störung , Psychische Störung , Judenverfolgung
Other Keywords: Holocaustüberlebende , Spätschäden , Verschlimmerungsantrag
Holocaust survivors , Long-term sequelae , Claims for deterioration
License: http://tobias-lib.uni-tuebingen.de/doku/lic_mit_pod.php?la=de http://tobias-lib.uni-tuebingen.de/doku/lic_mit_pod.php?la=en
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Inhaltszusammenfassung:

In den Jahren 1933 bis 1945 fielen dem in Deutschland herrschenden nationalsozialistischen Regime Millionen von Juden, Roma und Sinti, aber auch politische Gegner, psychisch Kranke, Behinderte und Homosexuelle zum Opfer. Die oft mehrere Jahre andauernde Haft in Zwangsarbeits-, Konzentrations- und Vernichtungslagern war geprägt durch Misshandlungen, Schwerstarbeit, Hunger, Entwürdigung, unmenschliche Lebensverhältnisse und Massenmord. Die Überlebenden dieses Terrors zeigten psychische und physische Folgen der Traumen in einem bis dahin kaum vorstellbaren Ausmaß. Dies führte zu einer erneuten heftigen und zunächst kontroversen Diskussion um die Existenz psychischer Spätschäden nach extremen Lebensbedingungen, die bereits Ende des 19. Jahrhunderts und auch später im Zusammenhang mit dem Ersten Weltkrieg geführt worden war. Schließlich setzte sich die Erkenntnis durch, dass die seelische Belastbarkeit eines Menschen nicht im Unendlichen liegt und der Mensch auch dann noch eine seelische Umbildung erfahren kann, wenn er bereits eine „fertige“ und strukturierte Persönlichkeit war. Von diesem Zeitpunkt an wurden den psychischen Dauerschäden Bedeutung beigemessen und sie wurden als verfolgungsbedingte und entschädigungswürdige Erkrankungen anerkannt. Die vorliegende Arbeit beschäftigt sich mit solchen Spätschäden von Holocaustüberlebenden. Bei diesen Überlebenden handelte es sich um ehemals Verfolgte, die vom Wiedergutmachungsamt in Saarburg, dessen Zuständigkeit die zentrale Bearbeitung der Anträge ist, bereits Leistungen aufgrund eines als verfolgungsbedingt anerkannten psychischen Leidens erhielten, jedoch wegen einer Verschlimmerung dieser Beschwerden eine Neufestsetzung ihrer Rente anstrebten. Hierdurch war es möglich, die Entwicklung und den Verlauf der Gesundheitsstörungen seit der Befreiung bis hin zum Verschlimmerungsantrag zu verfolgen und eine eventuelle Änderung der Symptomatik festzustellen. Die Auswertung der Einzelgutachten erfolgte mittels eines Erhebungsbogens anhand von Auswertungskriterien. Neben den Gesundheitsstörungen und deren Verlauf wurde das Patientengut im Allgemeinen analysiert. Es zeigte sich, dass die durchlebten Verfolgungsmaßnahmen bei allen 66 Begutachteten physische und/oder psychische Traumen hervorgerufen hatten. Am häufigsten vertreten waren depressive Störungen, Angststörungen, psychosomatische Beschwerden, Hyperarousal, soziale Isolierungstendenzen und hypermnestische Erinnerungsfixierungen. Bei der Mehrheit des untersuchten Kollektivs (81,8%) wiesen die ermittelten Gesundheitsstörungen einen progredienten Verlauf auf. Für diese Intensitätssteigerung konnten Progredienzfaktoren identifiziert werden. Die größte Rolle spielten hierbei neben dem fortschreitenden Alterungsprozess und der Pensionierung eigene (schwere) körperliche Erkrankungen und Operationen. Das Verlassen des Elternhauses durch die erwachsen gewordenen Kinder, die Pensionierung des Partners, familiäre Konflikte, Erkrankungen, Operationen oder gar der Tod des Lebenspartners bzw. eines nahen Angehörigen stellten sich wie die Einberufung eines Familienmitglieds zum Militärdienst, äußere Kriegs-/Terrorereignisse und der sich nähernde Holocaust-Gedenktag ebenfalls als bedeutende und negativ beeinflussende Lebensumstände heraus. Salutogene Faktoren hingegen, die sich etwa signifikant häufiger in der Gruppe der nicht-progredienten Überlebenden zeigten, konnten nicht ausfindig gemacht werden. Die Ergebnisse dieser Untersuchung sowohl hinsichtlich der Gesundheitsschäden als auch hinsichtlich allgemeiner Aspekte wie zum Beispiel dem Alter oder dem Familienstand wurden mit den Ergebnissen vorausgegangener Arbeiten verglichen und im Zusammenhang diskutiert.

Abstract:

In the years 1933 to 1945, millions of Jews, Roma and Sinti, but also political opponents, persons with mental health problems, the disabled as well as homosexuals became victims of the prevailing Nazi regime in Germany. Imprisonment lasting several years in forced labor camps, concentration and extermination camps was characterized by abuse, hard labor, starvation, degradation, inhumane living conditions and mass murder. The survivors of this terror showed psychological and physical consequences of trauma to a hitherto almost unbelievable extent. This led to a renewed fierce and initially controversial debate about the existence of psychological late effects after extreme living conditions, which had already been conducted at the end of the 19th Century and later in connection with the First World War. Finally the realization prevailed that the mental capacity of a person is not infinite, and human beings can still experience a psychological transformation when being already a "finished" and structured personality. (11) From this point on, importance was attached to psychological permanent damage. This damage was recognized as being caused by persecution and therefore worthy of compensation. The present thesis deals with such long-term sequelae incurred by Holocaust survivors. These survivors are formerly persecuted persons, who have already received benefits by the Restitution Office in Saarburg in whose jurisdiction the central processing of these applications falls for a recognized psychological illness caused by persecution, but who seek a redefinition of their pension due to an aggravation of their medical condition. Thus, it was possible to pursue the development and progression of health problems since the liberation up to the claims for deterioration and to determine a possible change in symptoms. The evaluation of the individual reports was conducted by means of a written questionnaire on the basis of evaluation criteria. Besides the health problems and their course, the patient population was analyzed in general. It became apparent that the prosecution experience had caused physical and / or psychological trauma with all 66 people surveyed. The most numerous afflictions were depressive disorders, anxiety disorders, psychosomatic complaints, hyper-arousal, social isolation tendencies and hypermnestic memory fixations. With the majority of the group analysed (81.8%), the health problems showed a progressive course. Regarding this increase in intensity, progressive factors could be identified. In addition to the progressive aging process and retirement, the main role was played by a persons own (serious) physical illness and surgery. Leaving the parental home by the grown-up children, the retirement of the partner, family conflicts, illnesses, surgeries, or even the death of the partner or a close relative, as well as the convening of a family member to military service, external war and terror incidents and the approaching Holocaust Remembrance Day also proved to be significant and adversely affecting living conditions. Salutogenic factors, however, which occurred significantly more frequently in the group of non-progressive survivors, could not be identified. The results of this investigation, both in terms of health effects and in terms of general aspects such as age or marital status were compared with results of previous work and discussed in the context.

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