Zur Selbstüberschreitung oder Selbstabschaffung des Menschen : Philosophische Anthropologie seit Pico della Mirandola

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URI: http://nbn-resolving.de/urn:nbn:de:bsz:21-opus-37603
http://hdl.handle.net/10900/44068
Dokumentart: (wissenschaftlicher) Artikel
Date: 2009
Language: German
Faculty: 9 Sonstige / Externe
Department: Sonstige/Externe
DDC Classifikation: 100 - Philosophy
Keywords: Transhumanismus , Plessner, Helmuth , Sloterdijk, Peter / Regeln für den Menschenpark , Habermas, Jürgen / Die Zukunft der menschlichen Natur
Other Keywords: Pico della Mirandola, Giovanni Francesco ,Philosophische Anthropologie , Selbstüberschreitung , Weltoffenheit , Tod Gottes , Sloterdijk vs. Habermas
Philosophical anthropology , self-transgression , world-openness , Death of God , Sloterdijk vs. Habermas
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Inhaltszusammenfassung:

Mit seinem Vortrag ‚Regeln für den Menschenpark’, in dem P. Sloterdijk 1999 einen „Codex der Anthropotechniken” forderte, löste er eine der erbittertsten Polemiken in der jüngeren deutschen Geistesgeschichte aus. Wie überfällig diese Debatte war, bezeugt die Jahre zuvor konstituierte Vereinigung von Molekularbiologen und Reproduktionsmediziner, die an dem Genomprojekt beteiligt waren und über das Entziffern der menschlichen Genomsequenz hinaus sich via Keimbahninterventionen das ,Herbeiführen der genetischen Verbesserung’ des Menschen zum Ziel setzten. – Sloterdijk wie auch seinem Kontrahenten Habermas hielt man später vor, sich zu sehr auf Reizwörter der verbrecherischen Eugenik eingelassen und darüber grundlegende anthropologische Vorarbeiten zu wenig berücksichtigt zu haben. Tatsächlich zeigt der hier von mir vorgelegte geistesgeschichtliche Rückblick, daß seit der Renaissance dem Menschen zunehmend eine konstitutionelle Entwicklungsoffenheit und Verpflichtung zu Anpassungsleistungen zugeschrieben werden, die ihn als Selbstüberschreitungen immer wieder auch substantiell gefährden könnten. In weithin verdeckter Konsequenz wird zugleich mit dieser Entwicklung die Legitimation des theozentrischen Weltbildes immer stärker in Zweifel gezogen: Die Weltoffenheit des Menschen erörtert als erster der Florentiner Humanist Pico della Mirandola. Zu Beginn seiner ,Oratio’ (1486/87) trägt er vor, daß der von seinem Schöpfer mit einem freien Willen begabte „Proteus” Mensch sich fortwährend die ihm angemessene Lebensform geben müsse. Durch seine biologische Nichtdeterminiertheit von allen anderen Lebewesen unterschieden, habe er als „Former und Bildner seiner selbst” die – von Pico selbst noch abgelehnte – Möglichkeit, sein Leben auch ohne eine rückversichernde transzendente Instanz zu führen. In seinen ,Essais’ (1572-92) setzt Montaigne als erster auf eine rigorose, von keiner Autorität mehr abhängige Selbsterforschung. Trotz aller Idiosynkrasien und lebensgeschichtlich sich ändernden Überzeugungen hat diese Erforschung des Individuellen exemplarischen Charakter, trage doch jeder einzelne „die ganze Gestalt des Menschseins in sich”. Die überlieferte Doktrin des Ebenbildes Gottes verwirft er als selbstgefällige Illusion und erkennt als einzige Richtschnur für das Gebotene das persönliche Gewissen als die intimste Form des Wissens an. – Für den aufgeklärten Theologen Herder, der die Gottesebenbildlichkeit nicht mehr als Faktum, sondern als Aufgabe ansieht, muß der Mensch auch seine „Humanität” erst heranbilden; sie hat selber keine metaphysische Relevanz mehr und bleibt innerweltlich auf die Gattungs- und Individualgeschichte bezogen. Dank seiner Besonnenheit und Sprachfähigkeit ist der Mensch „vom ersten Augenblicke an das freitätige, vernünftige Geschöpf, das sich selbst helfen sollte”. In der Epoche des von Dostojewski und Nietzsche erklärten „Todes Gottes” spitzte sich auch die Frage nach der Selbstgefährdung des nunmehr rückhaltlos selbstverantwortlichen Menschen zu und führte die Krisis des europäischen Nihilismus herauf. Als letzter Versuch zur Rettung der metaphysischen Tradition darf Schelers Schrift ,Die Stellung des Menschen im Kosmos’ (1928) gelten. Den Menschen definiert er als das unbegrenzt „weltoffene” Wesen, das sich auf der höchsten „biopsychischen” Stufe des „Geistes” organisiert, durch seine Sachlichkeit und Distanzierung der Umwelt eine ideelle „Entwirklichung” leistet, die es zugleich freilich „weltexzentrisch” mache. Er ist so der „Neinsagenkönner” des Lebens, das er als geistiges Wesen derart radikal transzendiere, daß er nur in einer religiösen oder metaphysischen Verankerung seine Heimat und Ruhe finden könne. Eine solch unbegrenzte „Weltoffenheit” und ihre religiöse Konsequenzen bestreitet Plessner in seinem Hauptwerk ,Die Stufen des Organischen und der Mensch’ (1928). Seine um den Zentralbegriff der „Exzentrizität” kreisende Anthropologie verlangt von diesem geistigen „Leistungswesen” vielmehr den Mut zu einer radikalen kathartischen „Selbstentsicherung”, die zwar ohne Normen und ohne Gewissen nicht existieren kann, aber ohne metaphysische Absicherung auszukommen hat. Diesem Menschen, der das paradoxe „Gesetz des utopischen Standpunkts” anerkennt und dessen vielfältige Wesensmöglichkeiten niemals zu ergründen sind, gebührt die Bezeichnung ,Homo absconditus’. Damit wird die einst dem Christengott zugeschriebene Qualität der Unergründlichkeit und Verborgenheit in letzter Konsequenz auf den Menschen selbst übertragen. - Plessners postmetaphysische Position darf inzwischen als philosophisches Gemeingut gelten und jener so lange bekämpfte theozentrische Dogmatismus als geistig überwunden; an seine Stelle aber sind als Hauptgegner jeder selbstbestimmten Lebensführung gegenwärtig gewisse Strömungen der humangenetischen Technologie und des „Transhumanismus” gerückt, die das bisherige Selbstverständnis des Menschen und seine kulturgeschichtlichen Leistungen zu annihilieren drohen.

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