Inhaltszusammenfassung:
Für diese Studie wurden über einen Zeitraum von 5 Jahren retrospektiv 414 Fälle mit Thoraxtrauma aus den DGU-Trauma-Registerdaten aus dem Schockraum des Klinikum Stuttgart ermittelt. Ziel dieser Dissertation war die Untersuchung präklini¬scher und innerklinischer Vitaldaten, sowie die präklinische und innerklinische Durchführung einer Thoraxentlastung. Weiterhin wurde untersucht, welche Pati¬ent:Innen bereits präklinisch eine Thoraxdrainage gebraucht hätten, diese aber erst im Schockraum bekommen haben. Ein weiterer Teil befasste sich mit der Therapieempfehlung, nach einer Nadeldekompression eine Thoraxdrainage anzu¬legen. Für eine interferenzstatistischen Analyse wurde die Nullhypothese „Je frü¬her die Entlastung eines (Spannungs-) Pneumothorax erfolgt, desto niedriger ist die Krankenhausverweildauer und Mortalität“ formuliert.
In einem Gesamtkollektiv aus 1.172 Patient:Innen mit 5.963 Diagnosen konnten nach entsprechender Selektion mit dem Diagnosestichwort „Thorax“ und nach Selektion nach Ausschlusskriterien insgesamt 414 Fälle in die Datenauswertung einfließen. Zur besseren Übersicht wurden mehrere Diagnosen in Gruppen einge-teilt. Die statistische Auswertung erfolgte mittels SPSS Version 30.0.0.0 der Firma IBM.
Die Ergebnisse zeigten einen großen Anteil männlicher Patienten (n=317/414). Im Durchschnitt lag das Alter bei 52,2±20,2 Jahren. Es handelte sich überwiegend um Patient:Innen der ASA-Klassifikation I. In n=337 Fällen handelte es sich um einen Unfall, bei n=51/408 Patient:Innen lag der Verdacht auf Suizid vor, in n=20/408 Fällen der Verdacht auf ein Gewaltverbrechen. 94,20% (n=374/397) er-litten ein stumpfes Trauma, 5,80% (n=23/397) ein penetrierendes Trauma. 54/414 Patient:Innen verstarben im Zusammenhang eines Thoraxtraumas. Erfolgte eine präklinische Thorax-Entlastung verzögerte sich die präklinische Versorgungszeit signifikant (p<0,001) um durchschnittlich 11:31 Minuten. Patient:Innen mit Thora-xtrauma verweilten im Mittel 15,99 Tage bis zur Entlassung im Krankenhaus. Ein Zusammenhang zwischen präklinischer Versorgungszeit und Krankenhausver-weildauer konnte im Spearman-Roh Test nicht nachgewiesen werden. Die Sterb-lichkeit nahm bei Patient:Innen mit präklinisch durchgeführter Thorax-Entlastung signifikant zu (p<0,001). 11% (39/355) der Patient:Innen ohne präklinische Tho-rax-Entlastung starben und 33,3% (11/33) Patient:Innen mit präklinischer Thora-xdrainage starben. Erfolgte die Anlage einer Thoraxdrainage im Schockraum konnte ein statistisch signifikanter Überlebensvorteil für männliche Patienten er-mittelt werden (p<0,001).
Das Kollektiv wurde auf die Diagnosen „Hämato-/ Hämatopneumo-/ Pneumo-/ Spannungspneumothorax“ hin untersucht. Ein Großteil des Kollektivs erhielt die Diagnose „Pneumothorax“ (n = 149/414). Die Analyse der Vitalzeichen erfolgte sowohl im Gesamtkollektiv als auch nach Diagnosen getrennt. Es zeigte sich in allen Fällen eine fehlende Normalverteilung im Shapiro-Wilk-Test. In insgesamt 36/213 erfolgte die präklinische Anlage einer Thoraxdrainage und in 4/132 Fällen eine Nadeldekompression. In der weiteren Analyse konnte gezeigt werden, dass nur in zwei Fällen eine endgültige Anlage einer Thoraxdrainage nach Nadelde-kompression erfolgte. Im Schockraum erfolge in 25,60% der Fälle (n = 101/406) die Anlage einer Thoraxdrainage. In 15 Fällen erfolgte bereits die Anlage der Thoraxdrainage in der Präklinik. Als auffälligste Surrogat-Parameter für das Vor-handensein eines therapiebedürftigen Thoraxtraumas konnten die Atemfrequenz und die periphere Sauerstoffsättigung ermittelt werden. Es wurde anhand der präklinischen Vitalwerte ermittelt, dass 22 Patient:Innen bereits in der Präklinik eine Thoraxdrainage benötigt hätten. In allen 22 Fällen wurde die Drainagen-An-lage im Schockraum des Klinikum Stuttgart durchgeführt. Es zeigte sich, dass die Wahrscheinlichkeit für eine Thoraxdrainagen-Anlage steigt, je schlechter die Vital-werte in der Präklinik waren.
Im Vergleich mit anderen Daten liegen sehr ähnliche Ergebnisse im Bereich der demographischen Daten vor. In der Diskussion fällt auf, dass keine Untersuchun-gen existieren, die eine direkte Vergleichbarkeit mit den hier ermittelten Daten zu-lassen. In den meisten Studien werden bei Patient:Innen mit Thoraxtrauma nur die Diagnosen Pneumothorax und Hämatothorax erfasst. Auch scheint in den meisten Studien nur die Pulsfrequenz und der systolische Blutdruck als Vitalwert Relevanz zu haben. Der Zusammenhang zwischen Schwere des Thoraxtraumas und der Notwendigkeit einer Thoraxdrainagen Anlage wurde in mehreren Studien gezeigt.
Zusammenfassend kann gezeigt werden, dass Patient:Innen mit Thoraxtrauma in über einem Viertel der Fälle eine Thoraxdrainage im Schockraum erhalten. In 22 Fällen hätte die Anlage bereits in der Präklinik erfolgen sollen. Die Frage, ob Pati-ent:Innen aufgrund einer längeren präklinischen Versorgungszeit ein schlechteres Überleben haben, kann im Kontext der fehlenden Vergleichbarkeit beider Grup-pen nicht abschließend geklärt werden. Hierfür sind weitere Studien mit der Ana-lyse präklinischer Daten notwendig. Die Vitalwerte Atemfrequenz und periphere Sauerstoffsättigung scheinen die relevantesten Parameter im Zusammenhang mit der Notwendigkeit einer Thoraxdrainagen Anlage zu sein. Der Zusatznutzen der Sonographie in der präklinischen Notfallmedizin wurde schon in vielen Studien gezeigt. Auch in der aktualisierten S3-Leitlinie zur Versorgung schwerstverletzter und polytraumatisierter Patient:Innen wird die Verwendung eines Ultraschalls in der Präklinik empfohlen. Anhand der Daten kann nicht nachvollzogen werden, ob eine Ultraschalldiagnostik zum Ausschluss oder Nachweis eines (Spannungs-)Pneumothorax durchgeführt wurde. Es scheint sinnvoll, die Verwendung und den Befund des Ultraschalls mit in die Dokumentation auf zu nehmen, um diesem wichtigen Diagnostikum mehr Bedeutung zukommen zu lassen.
Weitere Studien mit Analyse der präklinischen Notarztprotokolle müssen folgen, um die Qualität der präklinischen Versorgung polytraumatisierter Patient:Innen besser beurteilen zu können. (Teile dieses Abschnitts sind Gegenstand des Manuskripts ‚Prehospital physiologic parameters associated with thoracic intervention in patients with thoracic trauma: a retrospective TraumaRegister DGU® study‘, eingereicht bei International Journal of Emergency Medicine)