Inhaltszusammenfassung:
Ziel der Untersuchung ist es, die kognitive und affektive Empathie bei Personen mit Autismus-Spektrum-Störung im Vergleich zu einer Kontrollgruppe zu erfassen. Dabei wurde ein neu entwickeltes Instrument, der Textuelle Empathie-Test, eingesetzt. Dieser basiert auf verbalen, verschriftlichten Beschreibungen von Situationen, in welchen spezifische emotionale Zustände entstehen (z. B. Angst, Ärger, Ekel, Trauer, Scham, Neid, Hoffnung, Freude, Dankbarkeit, sexuelle Erregung, Stolz). Die Verwendung von Situationsbeschreibungen dient dazu, die kognitive und affektive Empathie unabhängig von der Perzeption nonverbaler Kommunikationssignale zu untersuchen.
Es wurde eine Versuchsgruppe und eine Kontrollgruppe von jeweils 34 Personen rekrutiert. Die Teilnehmenden an der Studie gaben vor Beginn ihr schriftliches Einverständnis zur freiwilligen Teilnahme. Diese war zudem anonym. Das Hauptexperiment fand im Labor der psychiatrischen Abteilung der Universitätsklinik Tübingen statt. Den Teilnehmenden wurden in randomisierter Reihenfolge unterschiedliche – in einer Vorstudie definierte – Situationsbeschreibungen unter Annahme von drei getrennten Bedingungen (Eigene-Perspektive, nahestehende und unbekannte Person) am Bildschirm präsentiert. Mittels Valenzskalen wurde erfasst, wie sich die befragte Person selbst (Baseline), wie sich eine unbekannte/nahestehende Person (=kognitive Empathie) und wie die befragte Person sich bei der Vorstellung einer fremden/nahestehenden Person (=affektive Empathie) in der beschriebenen Situation fühlt. Zu Beginn und nach dem Experiment wurden diverse Fragebögen von den Personen der Versuchs- und Kontrollgruppe ausgefüllt (demographische Daten, Autismus-Quotient Fragebogen, Feedback-Fragebogen.
Die Ergebnisse zeigten, dass die Personen mit Autismus-Spektrum Erkrankungen im Vergleich zur Kontrollgruppe eine sowohl signifikant reduzierte kognitive als auch affektive Empathie aufwiesen. Der Hauptmediator für die kognitive und affektive Empathie ist dabei die emotionale Reaktivität. Je geringer diese bei Personen mit Autismus-Spektrum Erkrankungen im Vergleich zu denen der Kontrollgruppe ausgeprägt war, desto reduzierter waren deren Ergebnisse bezüglich der affektiven und kognitiven Empathie. Die emotionale Reaktivität wurde dabei durch situationsspezifische emotionale Reaktionen unter der Selbst-Bedingung in einem Normkollektiv ermittelt.
Allgemein reagierten sowohl die Personen der Versuchs- als auch die der Kontrollgruppe weniger empathisch bei der Vorstellung einer ihnen unbekannten als einer ihnen nahestehenden Person.
Der Tübinger-Empathie Test eignet sich als objektives, valides Messinstrument, das neben der Forschung zu Fragen von Empathie bei Autismus-Spektrum Erkrankungen auch in verschiedenen anderen Bereichen eingesetzt werden kann.