Inhaltszusammenfassung:
Auf der Basis allgemeiner wahrnehmungs- und attributionstheoretischer Überlegungen wurden die Hypothesen aufgestellt, daß zwischen Lehrerurteil und delinquentem Verhalten der Schüler zwar teilweise Konkordanz besteht, daneben jedoch Stigmatisierungsprozesse durch implizite Devianztheorien der Lehrer vorliegen. Populäre „Ursachen der Delinquenz” sollten deshalb mit dem Lehrerurteil stärker korrelieren als mit der tatsächlichen Delinquenz der Schüler. Mit Hilfe der Methode der erfragten Delinquenz und Lehrerbeurteilungen zu mehreren Merkmalen abweichenden Verhaltens erfolgte die empirische Prüfung der Hypothesen an 161 männlichen Hauptschülem des 8. Jahrgangs. Zusammenhänge zwischen Lehrerurteilen und selbstberichteter Delinquenz konnten aufgezeigt werden. Verschiedene Charakteristika der Schüler (Intelligenztestwerte, Schulleistung) korrelierten erwartungsgemäß mit dem Lehrerurteil, jedoch nicht bedeutsam oder geringer mit der erfragten Delinquenz. Andere Merkmale (soziale Schicht, Geschwisterzahl, familiäre Desorganisation) hingen dagegen mit beiden Delinquenzmaßen vergleichbar zusammen. Insgesamt konnten die Hypothesen vorläufig beibehalten werden, wobei die partielle Validität der Lehrerurteile eine Spezifizierung der Selektions- und Stigmatisierungshypothese auf schulische Ordnungs- und Leistungskriterien nahelegt.
Abstract:
Based on general theories of perception and attribution we hypothesized that there is indeed partial concordance between teacher-ratings and delinquent behavior of pupils as well as stigmatization-processes by implicite theories of deviance. Therefore populär „causes of delinquency” should show higher correlations with teacher-ratings than with factual delinquency of the pupils. In a sample of 161 8th grade males the hypotheses were tested by the method of self-reported delinquency. Relations between teacher-ratings and self-reported delinquency existed. As predicted, several characteristics of pupils (intelligence, school-performance) were correlated with the teacher-ratings and not significant or lower with self-reported delinquency. But other variables (social dass, number of siblings, family-desorganization) were related to both measures of delinquency in comparable degree. Altogether, the hypotheses could be retained, but the partial validity of the teacher-ratings suggests specification of the selection - and stigmatization - assumptions to criteria of school order and achievement.