Inhaltszusammenfassung:
Hintergrund: Die Einschätzung der Verlegungsbereitschaft von
Intensivpatienten erfolgt oft durch subjektive Beurteilungen unter zeitlichem
Druck. Ein standardisierter Kriterienkatalog könnte diesen Prozess objektivieren
und eine frühzeitige, sichere Verlegung unterstützen. Vor dem Hintergrund
knapper intensivmedizinischer Ressourcen rückt deren effiziente und
verantwortungsvolle Nutzung in den Fokus. In einem vorangegangenen Delphi-
Prozess wurde ein Katalog aus patientenspezifischen und organisatorischen
Verlegungskriterien entwickelt. Im Rahmen dieser Studie stand die Prüfung der
klinischen Anwendbarkeit dieses objektiven Verlegungskriterienkatalogs im
Vordergrund. Ziel war es, den Nutzen dieser Kriterien für ein proaktives
Verlegungsmanagement von Intensivpatienten auf nachgeordnete
Pflegestationen zu evaluieren.
Methoden: In einer prospektiven, zweiphasigen Pilot-Studie auf der internistisch
ausgerichteten Intensivstation 93 des Universitätsklinikums Tübingen wurde
zunächst die bestehende Praxis der Bewertung von Verlegungsfähigkeit der
Intensivpatienten analysiert. Anschließend wurde die Implementierung der
Verlegungskriterien umgesetzt. In der Implementierungsphase wurde die
Anwendung der Verlegungskriterien erfasst und Anwender-Feedback eingeholt.
Zur Nutzenevaluierung wurden zusätzlich Key Performance Indikatoren zu
Patientenfluss, Krankheitslast und Kapazitätsauslastung erhoben. Aufgrund der
begrenzten Kohortenzahl erfolgte eine deskriptive Analyse.
Ergebnisse: Während der Implementierungsphase wurde die Erfüllung der
Verlegungskriterien zu zwei Zeitpunkten (Verlegungsoption und
Verlegungsentscheidung) analysiert. Insgesamt wiesen dreizehn
Verlegungskriterien eine Erfüllungsrate von über 80 % bei der
Verlegungsentscheidung auf. Sieben Verlegungskriterien waren bei über 80 %
der Verlegungsentscheidungen nicht anwendbar. Bei 45 % der verlegten
Patienten wurden alle Verlegungskriterien zum Zeitpunkt der
Verlegungsentscheidung erfüllt. Bei 55 % der Patienten wurde eine
Verlegungsentscheidung getroffen, ohne dass alle Verlegungskriterien erfüllt
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waren. Viele dieser Patienten wurden jedoch auf Stationen verlegt, die eine
weiterführende Therapie ermöglichten. Bei 25 % der Patienten waren die
Verlegungskriterien bereits erfüllt, bevor eine Verlegungsentscheidung getroffen
wurde.
Schlussfolgerung: Die Beurteilung der Verlegungsfähigkeit von
Intensivpatienten erfordert objektive Kriterien, die sowohl die individuellen
Patientenbedürfnisse als auch die organisatorischen Möglichkeiten
berücksichtigen. In dieser Studie wurde ein konsentierter Katalog von 28
Verlegungskriterien implementiert und anhand ausgewählter Key Performance
Indikatoren geprüft. Daraus konnte ein Kernset von 13 überwiegend
patientenbezogenen Verlegungskriterien abgeleitet werden, welches sich für die
routinemäßige Anwendung eignen könnte und eine sichere Identifikation stabiler
Patienten für die Verlegung auf die Normalstation ermöglicht. Ergänzende
organisationsspezifische Kriterien sowie Akuitätsscores könnten den Katalog
situationsgerecht erweitern. Für eine dauerhafte Wirksamkeit ist eine
Standardisierung des Verlegungs-Workflows mit automatisierter Dokumentation
und Visualisierung notwendig. Allerdings bleiben Kapazitätsengpässe in den
nachgelagerten Versorgungseinrichtungen der zentrale limitierende Faktor. Eine
nachhaltige Verbesserung des Patientenflusses, der Behandlungsqualität und
der Ressourcennutzung lässt sich nur durch die aktive Einbindung aller am
Verlegungsprozess Beteiligten erreichen. Für die Zukunft erscheint es daher
unerlässlich, standardisierte Verlegungskriterien flächendeckend in digitale
Systeme zu integrieren, ihre Nutzung zu automatisieren und multizentrisch zu
evaluieren. Nur so lässt sich der zeitkritische Zugang und die Nutzung
intensivmedizinischer Ressourcen nachhaltig sichern und auf die strukturellen
Herausforderungen der kommenden Jahre reagieren.