Inhaltszusammenfassung:
Neben der Mimik und der Prosodie stellt auch die Gesichtsfarbe eine wichtige
Informationsquelle für eine funktionierende zwischenmenschliche
Kommunikation dar. Die Farbe und ihre Bedeutung für die emotionale
Wahrnehmung ist stellt ein noch recht junges Forschungsfeld dar und wird auch
in der hier vorliegenden Arbeit anhand verschiedener Fragestellungen
untersucht. Anhand von dynamischen Stimuli wurde der Einfluss der
Gesichtsfarbe auf die emotionale Wahrnehmung bei niedrig sowie hoch sozial
ängstlichen Individuen untersucht, mit dem Ziel neue Erkenntnisse über das
Vorliegen möglicher Farbeffekte auch in Abhängigkeit vom Ausmaß an sozialer
Angst zu gewinnen. Des Weiteren wurde untersucht, ob eine die Mimik
begleitende emotionale Prosodie den Einfluss der Farbe auf die
Emotionswahrnehmung moderiert. An der Studie nahmen 40 Personen teil, 20
gehörten der Gruppe der niedrig sozial Ängstlichen und 20 der Gruppe der hoch
sozial Ängstlichen an. In zwei computerbasierten Experimenten wurden den
Teilnehmenden kurze Videos präsentiert. Diese zeigten Gesichter von Personen,
die ein einzelnes Wort mit einem bestimmten emotionalen Ausdruck sprachen.
Im ersten Experiment wurden die Emotionen Angst, Ärger und ein neutraler
Ausdruck gezeigt, im zweiten Experiment die Emotionen Freude, Trauer sowie
ein neutraler Ausdruck. Die Teilnehmenden sollten die jeweilige gezeigte
Emotion klassifizieren und hinsichtlich ihrer wahrgenommenen Intensität auf
einer neunstufigen Likert Skala zwischen den Emotionspolen Angst und Ärger
(erstes Experiment) beziehungsweise Freude und Trauer (zweites Experiment)
bewerten. Die Videos wurden jeweils farblich bearbeitet. Ausgehend von der
Originalfarbe um zwei Intensitätsstufen in die rote und um zwei Intensitätsstufen
in die weiße Farbrichtung (reduzierter Rotanteil). Die Ergebnisse zeigten, dass
bei keiner der Emotionen die Gesichtsfarbe einen Einfluss auf die
Intensitätsbewertung hat. Es zeigte sich eine signifikante Interaktion zwischen
der Gesichtsfarbe und der sozialen Ängstlichkeit bei der Bewertung der
ärgerlichen, neutralen und ängstlichen Gesichtsausdrücke. Vor allem die
Differenzen der jeweils roten und weißen Farbstufen wurden von den beiden
Gruppen deutlich unterschiedlich bewertet. In der Gruppe der hoch sozial
Ängstlichen führten die roten Farbstufen zu einer Bewertung in Richtung der
Emotion Ärger, die weißen Farbstufen zu einer Bewertung in Richtung der
Emotion Angst. Es wurde weder ein signifikanter Effekt der sozialen Ängstlichkeit
im Hinblick auf eine Interpretationsverzerrung in der emotionalen Wahrnehmung,
noch ein Effekt der Farbe gefunden. Daher stellt sich bei der vorliegenden
Interaktion dieser Faktoren die Frage, ob die soziale Ängstlichkeit den Moderator
des Farbeffektes darstellt, oder ob umgekehrte Verhältnisse vorliegen. Gründe
für diesen Effekt könnten darin liegen, dass unter der Verwendung möglichst
naturalistischer dynamischer Stimuli die einzelnen Effekte der Gesichtsfarbe und
der sozialen Ängstlichkeit aufgrund der großen Realitätsnähe mit einer
moderaten Modulation der Gesichtsfarbe aufgrund der durch die Dynamik
reduzierte Ambiguität, nicht ausreichend groß waren, die Kombination dieser
allerdings schon. Hinsichtlich der Intensitätsbewertung der Gesichter als freudig
zeigte sich weder ein Farbeffekt noch ein signifikanter Interaktionseffekt. Die
Prosodie hatte im ersten Experiment keinen Einfluss auf den Farbeffekt. Im
zweiten Experiment zeigte sich ein signifikanter Einfluss der Sprachmelodie auf
die Interaktion zwischen sozialer Ängstlichkeit und Emotion. Hoch sozial
ängstliche Individuen scheinen von der multimodalen Integration der
verschiedenen Kommunikationskanäle bei traurigen und freudigen Ausdrücken
verstärkt zu profitieren, da diese eine bessere Differenzierung dieser Emotionen
zeigten. Ursächlich dafür könnte die Tatsache sein, dass hoch sozial Ängstliche
aufgrund Ihrer Unsicherheit in sozialen Situationen einen höheren Benefit durch
die Präsentation von mehreren emotionalen Signalen über verschiedene Kanäle
haben als niedrig sozial Ängstliche Individuen. Zum anderen könnte es bei diesen
im Vergleich zu der Gruppe der niedrig sozial Ängstlichen durch die audiovisuelle
Integration zu einer Reduktion der Wahrnehmungsverzerrung bei der Emotion
Freude als weniger positiv beziehungsweise freudig kommen. Diese
Erkenntnisse bringen weitere wichtige Einblicke im Bereich der
Emotionsforschung und könnten für zukünftige Forschungsvorhaben noch weiter
und dezidierter aufgearbeitet und entschlüsselt werden.