Inhaltszusammenfassung:
Hintergrund und Fragestellung: Auf Grund der zunehmenden Prävalenz von Adipositas unter Kindern und Jugendlichen und deren langfristigen gesundheitlichen Folgen ist eine effektive und langfristige Therapie der Adipositas notwendig. Zur Optimierung der Therapie sind Prädiktoren für Gewichtsreduktion (GR) und Gewichtsstabilisierung (GS) wegweisend.
Material und Methoden: Der aktuelle Forschungsstand zu Prädiktoren für die GR und GS nach einer verhaltenstherapeutischen Intervention zur GR mit multidisziplinärem Ansatz wurde in einer systematischen Übersichtsarbeit zusammen gefasst. Zur Identifikation weiterer Prädiktoren für die GS wurde zusätzlich eine explorative Datenanalyse durchgeführt. Die Erhebung der Daten fand im Rahmen einer multidisziplinären, stationären Intervention zur Adipositasbehandlung bei Kinder und Jugendlichen im Alter von 9-17 Jahren statt (DROMLIN-Studie). Follow-up Daten wurden nach 6,12 und 24 Monaten erhoben. Sowohl zur Beginn der Intervention erhobene Werte als auch ihre Veränderung über die Intervention hinweg wurden auf ihre mögliche Prädiktoreigenschaft für die GS mithilfe von hierarchisch linearen Modellen hin untersucht.
Ergebnisse: Die Übersichtsarbeit identifizierte Prädiktoren für die GR und GS und zeigte Forschungslücken auf. Das Thema Verhalten (Essverhalten, körperliche Aktivität, bewegungsarmes Verhalten), welches bei Erwachsenen ein Schlüsselprädiktor zu sein scheint, wurde bei Kindern kaum untersucht. Sowohl für GR als auch für GS war Physiologie die am meisten untersuchte Domäne und auch das Thema mit den meisten identifizierten Prädiktoren, insbesondere für Genetik (GR) und Blutwerte (GS). Darüber hinaus waren einige weitere Faktoren der Domäne Physiologie als Prädiktoren für die GR und GS signifikant. Die Domäne Umwelt wurde in den meisten Leitlinien zur Intervention hervor gehoben, jedoch für die GR sehr selten und für die GS gar nicht untersucht. Insgesamt wurden mehr als 80 % der Faktoren nur einmal untersucht und es existierten in der Summe nur wenige Studien über Prädiktoren für Kleinkinder und Jugendliche sowie für die GS. Die explorative Datenanalyse der DROMLIN-Studie konnte dem fünf Prädiktoren für die GS hinzufügen. Hierbei handelte es sich um die präinterventionell bestehende positive Einstellung zu gesundem Essen und die ausgeprägte Fähigkeit der Geschmackswahrnehmung von salzig, sowie die geringer ausgeprägte Stressreaktion, die verbesserte Einstellung zu gesundem Essen und eine gesteigerte Fähigkeit der Geruchsidentifikation am Ende der Intervention.
Schlussfolgerung: Für die Verbesserung der Adipositasbehandlung ergeben sich aus den Prädiktoren der Datenanalyse vor allem Implikationen für den Zweig der Verhaltenstherapie. Im Fokus sollten die Stressbewältigung und die Verbesserung der Einstellung zu gesunder Ernährung stehen. Zusätzlich könnte die präventive Edukation zu gesunder Ernährung von Kindern und Eltern einen positiven Beitrag leisten. Die Zusammenhänge zwischen Geschmacks- und Geruchswahrnehmung mit dem BMI-SDS und wie demzufolge ein Sensoriktraining hilfreich sein kann, ist zu prüfen. Insgesamt betont die hohe Diversität der Prädiktoren für die GR und GS den komplexen Charakter von GR und GS. Diese Komplexität bietet eine Vielzahl an Optimierungsmöglichkeiten in der Adipositastherapie. Zur Verifizierung der im explorativen Ansatz identifizierten Prädiktoren, der Verbesserung der Evidenz und der weiteren Erschließung dieses umfangreichen Forschungsgebietes sind zukünftige Studien notwendig.