Inhaltszusammenfassung:
Die Parkinson-Krankheit (PD) ist eine neurodegenerative Erkrankung, bei der neben motorischen Beeinträchtigungen auch nicht-motorische Symptome wie Depression und kognitive Störung auftreten können. In Querschnittsstudien konnte ein Zusammenhang zwischen kognitivem Leistungsabbau und depressiven Symptomen bei PD-Patienten beobachtet werden. Die Kausalrichtung des Zusammenhangs zwischen depressiven Symptomen und kognitiven Defiziten ist aktuell noch nicht geklärt. Neben den kognitiven Störungen bestehen bei depressiven PD-Patienten häufig zusätzlich Defizite in den Aktivitäten des täglichen Lebens (ADL). Allerdings ist aktuell noch unklar, ob die Depression die Einschränkungen in den ADL verursacht oder die ADL-Defizite zu den depressiven Symptomen führen. Das Ziel der vorliegenden Arbeit war es, im Rahmen einer Longitudinalstudie zu untersuchen, ob die Leitliniendiagnose einer PD mit leichter kognitiver Störung (PD-MCI) sowie Defizite in spezifischen kognitiven Domänen (Aufmerksamkeit/ Arbeitsgedächtnis, Exekutivfunktionen, Gedächtnis, Sprache und Visuokonstruktion) und leichte Einschränkungen in den kognitiv-assoziierten ADL sich negativ auf die Entwicklung und den Verlauf depressiver Symptome auswirken. Im Zeitraum von 2014 bis 2018 wurden die Baseline-Daten im Rahmen der ,,Non-demented patients with Parkinson’s Disease with and without low Amyloid-beta 1-42 in cerebrospinal fluid‘‘-Studie erhoben. Etwa vier Jahre später erfolgte das Follow-Up im Rahmen der ,,Cognitive-driven ADL impairment as a predictor for Parkinson’s disease dementia‘‘-Studie. Neben den demografischen Daten wurden Tests zur Beurteilung der motorischen Beeinträchtigung, der depressiven Symptome mittels Beck-Depressions-Inventar Revision (BDI-II) sowie der ADL-Einschränkung anhand des Functional Activities Questionnaire (FAQ) erhoben und eine umfangreiche neuropsychologische Testung durchgeführt. Zur Beurteilung der globalen kognitiven Leistung wurde das Montreal Cognitive Assessment (MoCA) herangezogen. Die Analysen der Daten von 170 PD-Patienten ergaben, dass sich die Schwere depressiver Symptome bei Baseline nicht signifikant zwischen Patienten mit und ohne PD-MCI unterschied. Die Diagnose einer PD-MCI bei Baseline stellte keinen Risikofaktor für die Entwicklung einer mindestens leichten Depression (BDI-II-Gesamtwert ≥ 14 Punkte) vier Jahre später dar. Patienten mit PD-MCI bei Baseline zeigten allerdings eine stärkere Veränderung der depressiven Symptome zwischen den Untersuchungszeitpunkten im Vergleich zu kognitiv unauffälligen PD-Patienten (p = 0.021). PD-Patienten mit einer schlechteren globalen kognitiven Leistung erhoben durch den MoCA bei Baseline wiesen bei Follow-Up mehr depressive Symptome im BDI-II (p = 0.009) und eine stärkere Veränderung der depressiven Symptome zwischen den Untersuchungszeitpunkten (p = 0.001) auf. Zudem war eine schlechtere Leistung in den kognitiven Domänen Aufmerksamkeit (p = 0.047) und Sprache (p = 0.018) mit mehr depressiven Symptomen vier Jahre später assoziiert. Bei PD-Patienten mit Defiziten in den Domänen Sprache (p = 0.026) und Gedächtnis (p = 0.003) konnte eine stärkere Veränderung des BDI-II-Gesamtwerts zwischen den Untersuchungszeitpunkten beobachtet werden. Kognitive Defizite und ADL-Einschränkungen bei Baseline galten nicht als Prädiktoren für das Auftreten einer mindestens leichten Depression (BDI-II-Gesamtwert ≥ 14 Punkte) bei Follow-Up. Analog zu Befunden in bisherigen Studien konnte jedoch ein signifikanter Einfluss von ADL-Einschränkungen auf depressive Symptome vier Jahre später festgestellt werden (p = 0.001). Dabei führten sowohl kognitiv- (p = 0.001) als auch motorisch-assoziierte (p = 0.004) ADL-Einschränkungen zu einer stärkeren Ausprägung depressiver Symptome bei Follow-Up. Zudem hatten kognitiv-assoziierte ADL-Einschränkungen einen Einfluss auf die Stärke der Veränderung der depressiven Symptome zwischen den Untersuchungszeitpunkten (p = 0.023). Unklar bleibt dabei, ob es sich bei der Veränderung um eine Verbesserung oder Verschlechterung der depressiven Symptome handelt. Die vorliegende Arbeit liefert einen Beitrag zum besseren Verständnis der Zusammenhänge von kognitiven Faktoren, ADL-Funktion und Depression bei PD, wodurch PD-Patienten, die besonders vulnerabel für depressive Symptome sind, besser detektiert werden können. Um eine genauere Aussage über den Verlauf der depressiven Symptome treffen zu können, sollten zukünftige Longitudinalstudien den depressiven Status jährlich erheben.