Inhaltszusammenfassung:
Telemedizin bezeichnet die Erbringung medizinischer Leistungen über räumliche Distanz mittels Informations- und Kommunikationstechnologien und gewinnt insbesondere zur Überbrückung von Versorgungsengpässen zunehmend an Bedeutung. In der Gynäkologie umfasst sie Anwendungen von der Vorsorge über die Pränataldiagnostik bis hin zur onkologischen Betreuung. Die COVID-19-Pandemie beschleunigte die Implementierung videogestützter Sprechstunden, wobei rechtliche und datenschutzrechtliche Aspekte weiterhin zentrale Herausforderungen darstellen.
Ziel dieser Arbeit war es, den Zusammenhang zwischen der Nutzungserfahrung digitaler Dienste – exemplarisch Online-Banking – und der Bereitschaft zur Inanspruchnahme telemedizinischer Konsultationen im perioperativen gynäkologischen Setting zu untersuchen. Zusätzlich wurden Alter, Bildungsstand, Computerkenntnisse und Datenschutzbedenken als potenzielle Prädiktoren analysiert.
Im Zeitraum von Mai bis November 2022 wurde an der Universitätsfrauenklinik Tübingen eine Fragebogenstudie mit 735 Patientinnen der Prämedikationsambulanz durchgeführt. Erhoben wurden soziodemografische Daten, Gesundheitsstatus, digitale Nutzungserfahrungen sowie Einstellungen gegenüber telemedizinischen Angeboten. Die Auswertung erfolgte mittels deskriptiver Statistik sowie t-Tests und Chi-Quadrat-Tests.
Die Ergebnisse zeigen, dass jüngere Patientinnen sowohl häufiger Online-Banking nutzen als auch telemedizinische Angebote positiver bewerten. Ein höherer Bildungsgrad und fortgeschrittene Computerkenntnisse korrelieren signifikant mit einer größeren Offenheit gegenüber videogestützten Konsultationen. Demgegenüber stehen ausgeprägte Datenschutzbedenken in Zusammenhang mit einer geringeren Nutzungsbereitschaft. Besonders relevant ist, dass Vorerfahrungen mit Online-Banking als signifikanter Prädiktor für eine positive Einstellung gegenüber Telemedizin identifiziert wurden.
Für eine erfolgreiche Implementierung telemedizinischer Angebote sind benutzerfreundliche und datenschutzkonforme technische Lösungen erforderlich, die sich an etablierten digitalen Standards orientieren. Ergänzend sind Schulungen für medizinisches Personal sowie klare rechtliche und ökonomische Rahmenbedingungen notwendig. Im perioperativen Kontext bietet Telemedizin insbesondere für präoperative Aufklärung und postoperative Nachsorge ein erhebliches Potenzial zur Verbesserung der Versorgung, ohne den persönlichen Arztkontakt vollständig zu ersetzen.