Inhaltszusammenfassung:
Diese empirische Untersuchung wendet sich gegen die Vorstellung eines massiven Anstiegs der Gewaltkriminalität in Deutschland seit den 1950er Jahren. Exemplarisch wird anhand der Entwicklung von Körperverletzungen demonstriert, dass die Zunahme der Tatverdächtigenbelastung in der Polizeilichen Kriminalstatistik vor allem auf den Anstieg bei Kindern, Jugendlichen und Heranwachsenden zurückzufahren ist. Durch einen Vergleich mit Raufunfällen wird nachgewiesen, dass dieser Anstieg im Heilfeld weit überwiegend durch eine Aufhellung des Dunkelfeldes zu Stande kommt und darüber hinaus Entwicklungen im Hell- und Dunkelfeld der Jugenddelinquenz nur lose gekoppelt sind Der empirische Befund wird eingeordnet in Theorien zur Erklärung zunehmender Anzeigeneigung insbesondere gegenüber jugendlichen Gewalttätern. Übertragen auf deutsche Verhältnisse scheint die Vorstellung Garlands, nach der die punitive Wende auch eine Folge massiv angestiegener Kriminalität sei, nicht haltbar zu sein. Vielmehr drückt sich bereits in der Steigerung der Anzeigeneigung selbst eine gesteigerte ,Punitivität' der Bevölkerung aus, die damit ,Kriminalpolitik von unten' betreibt. Zunehmende Registrierung von Kriminalität und steigende Punitivität sollten als Ergebnisse derselben sozialen Prozesse betrachtet werden.