Inhaltszusammenfassung:
Die vorliegende Arbeit untersucht anhand des Tübinger Registers für Familiäres Mittelmeerfieber (FMF) und andere autoinflammatorische Erkrankungen (AIE) klinische und demografische Unterschiede sowohl zwischen als auch innerhalb der Diagnosegruppen FMF, Cryopyrin-assoziierte periodische Syndrome (CAPS), TNF-Rezeptor-assoziiertes periodisches Syndrom (TRAPS) und Adulter Morbus Still (AoSD). Die Daten wurden retrospektiv aus Patientenakten und Fragebögen gewonnen, wobei insgesamt 131 Patienten in die Studie inkludiert wurden. Die Ergebnisse liefern Erkenntnisse über Epidemiologie, Symptomatik und Genetik dieser seltenen Erkrankungen.
FMF-Patienten stellten mit 72,5 % die größte Patientengruppe innerhalb des Studienkollektivs dar. Darauf folgen von AoSD- (20,6 %), CAPS- (4,6 %) und TRAPS- Patienten (2,3 %). Die Krankheitsverteilung zwischen den ethnischen Gruppen unterschied sich (p < 0,001). So war die Mehrheit der FMF-Patienten türkischer Herkunft (74,7 %), während CAPS- und TRAPS-Patienten sowie ein Großteil der AoSD-Patienten kaukasischer Herkunft waren. Besonders auffällig war die hohe Rate an Blutsverwandtschaft unter den Eltern der FMF-Patienten türkischer Herkunft (31 %), aber auch bei Patienten mit anderen Erkrankungen.
Die Arbeit bestätigt bekannte epidemiologische und klinische Merkmale von AIE und unterstreicht die Heterogenität dieser Erkrankungen. Die Symptomatik zeigte sowohl diagnoseübergreifende Gemeinsamkeiten als auch gruppenspezifische Unterschiede. Bauchschmerzen, Fieber und Gelenkschmerzen gehörten zu den häufigsten Symptomen in der Gesamtkohorte. Interessanterweise trat aber bei keinem der CAPS-Patienten Fieber auf. Bauchschmerzen traten bei 90,5 % der FMF-Patienten auf. Brustschmerzen waren ebenfalls charakteristisch für FMF-Patienten und traten signifikant häufiger als bei CAPS-Patienten (p = 0,028) und AoSD-Patienten (p < 0,001) auf. Exantheme waren signifikant häufiger bei CAPS- (83,3 %, p =0,001) und AoSD-Patienten (63 %, p < 0,001) als bei FMF-Patienten (15,8 %). Charakteristisch für CAPS-Patienten waren außerdem ein Hörverlust und eine Konjunktivitis. Pharyngitis, Lymphadenopathie und Spleno- und/oder Hepatomegalie waren traten dagegen vermehrt bei AoSD-Patienten auf.
Die Ergebnisse der Arbeit weisen auf eine insgesamt gute medizinische Versorgung der untersuchten Patienten hin: nur ein Patient entwickelte eine Amyloidose, eine schwerwiegende Komplikation, die bei allen AIE auftreten kann und insbesondere bei FMF beschrieben ist.
Die genetische Analyse ergab, dass 95,8 % der FMF-Patienten passende Mutationen im MEFV-Gen aufwiesen, wobei die häufigsten Mutationen M694V, M680I und V726A waren. Besonders auffällig war die Homozygotie der M694V-Mutation, die mit einem signifikant früheren Erkrankungsbeginn (p = 0,002), signifikant mehr Arthralgien/Arthritiden (p = 0,035) und einer höheren Rate an positiver Familienanamnese assoziiert war. Außerdem trug der Patient, bei dem eine Amyloidose auftrat, ebenfalls eine homozygote M694V-Mutation.
Bei der medikamentösen Therapie wurde Colchizin als häufigste Therapie für FMF identifiziert (96,8 %), während CAPS-Patienten häufig mit Canakinumab (83,3 %) und AoSD-Patienten mit Glucocorticoiden (96,3 %) behandelt wurden. Diese Ergebnisse verdeutlichen die Wirksamkeit bestehender Therapien und machen deutlich, dass weiterhin Forschung an neuen medikamentösen Ansätzen erforderlich ist, um auch jene Patienten adäquat behandeln zu können, die auf die bestehenden Therapiemöglichkeiten nicht ausreichend ansprechen. Die Arbeit hebt zudem die Bedeutung einer frühzeitigen Diagnosestellung und der Sensibilisierung für AIE hervor, insbesondere in ethnischen Gruppen mit höherem Erkrankungsrisiko.
Einschränkend ist anzumerken, dass die retrospektive Datenerhebung potenziell zu Verzerrungen führen kann. Zudem limitiert die geringe Patientenzahl der CAPS- und TRAPS-Patienten die Generalisierbarkeit der Ergebnisse.
Ein wichtiger Schritt für die Zukunft wäre daher die Etablierung eines deutschlandweiten Registers auf Basis der bestehenden Daten, um die Aussagekraft der Ergebnisse zu erhöhen. Die vorliegenden Ergebnisse leisten aber schon jetzt einen wichtigen Beitrag zum Verständnis autoinflammatorischer Erkrankungen und legen eine wertvolle Grundlage für weitere wissenschaftliche Untersuchungen.