Inhaltszusammenfassung:
Definition der Fragestellung:
Neglect ist die häufigste Verhaltens- und Orientierungsstörung nach rechtshemisphärischen, zerebrovaskulären Insulten. Die endgültige Diagnosestellung eines Neglects findet meistens erst im Laufe des stationären Aufenthaltes statt. Diese Verzögerung in der Diagnosestellung verursacht häufig eine Verzögerung des Beginns gezielter, frührehabilitativer Therapien mit nachgewiesener Verlängerung der Dauer des Krankenhausaufenthaltes.
Wir versuchen die Diagnose eines Neglects ohne zusätzliche, apparative Diagnostik und mit Ersparnis des Zeitaufwandes der Durchstreich- und Suchtests frühzeitig festzulegen, um dieses Defizit gezielt und ohne Verzögerung mit frührehabilitativen Maßnahmen anzugehen.
Methodik:
Wir haben die konjugierte Augendeviation (CED) von Patienten mit akutem, rechtshemisphärische, zerebrovaskuläre Insult in der initialen, zerebralen Bildgebung mit der Durchsage eines verbalen Kommandos „Schauen Sie bitte mit den Augen geradeaus“ gemessen und den Winkel der CED mit der klinischen Diagnose eines Neglects verglichen. Die Durchsage des verbalen Kommandos erfolgte automatisiert im Programm zur Durchführung der zerebralen Computertomographie. Die CED von Patienten mit und ohne Neglect und Kontroll-Patienten ohne Schlaganfall wurde verglichen. Die klinische Diagnose eines Neglects wurde mittels validierter Durchstreich- und Suchtests festgelegt.
Ergebnisse:
Von den insgesamt 46 eingeschlossenen Patienten hatten 16 Patienten eine rechtshemisphärische Läsion ohne Neglect, 12 eine rechtshemisphärische Läsion und einen Neglect und 18 Kontrolle-Patienten keinen Schlaganfall. Mit dem Vergleich der CED zwischen den unterschiedlichen Gruppen haben wir einen Winkel von 14.1 Grad als minimale ipsiläsionale Deviation zur bildmorphologischen Diagnose eines Neglects in den Akut- und Subakutphasen eines zerebrovaskulären Insults festlegen können. Die Abmessung dieses Winkels von 14.1 Grad erlaubte die Diagnose eines Neglects bei Patienten mit akuten und subakuten rechthemisphärischen zerebrovaskulären Läsionen mit einem Konfidenzintervall von 99%, einer Sensibilität von 92,31% und einer Spezifität von 100%.
Diskussionsergebnisse und Schlussfolgerung:
Mit unserer Messung der CED unter Durchsage des erwähnten verbalen Kommandos in der Akut-/Subakutphase einer zerebrovaskulären rechtshemisphärischen Läsion haben wir ein neues Instrument für die Frühdiagnose eines Neglects mit minimalem Aufwand ohne zusätzliche apparative Diagnostik dargestellt. Somit kann die Verzögerung des Beginns einer gezielten, optimierten Frührehabilitation in Zukunft reduziert werden.
Weitere breitere, multizentrische und ausführlichere Studien sind in der Zukunft für die reguläre Anwendung, weitere Standardisierung in spezifischen Patientengruppen und Ausweitung dieser diagnostischen Maßnahme noch notwendig.