Inhaltszusammenfassung:
Mögliche Beziehungen zwischen der Torsion und der koronaren Achsausrichtung der unteren Extremität wurden bisher nur wenig untersucht und vorliegende Daten sind sehr inkonsistent. Dabei können Fehlstellungen der unteren Extremität weitreichende und schwerwiegende Folgen haben wie beispielsweise die Entstehung einer Arthrose oder patellofemorales Maltracking. Daher war das Ziel dieser Studie, den Einfluss der Beinachse in der Frontalebene auf die femorale und tibiale Torsion zu untersuchen und herauszuarbeiten, ob eine koronare Achsabweichung auf das Ausmaß der Torsion schließen lässt, um die korrekte Analyse der Beinachse zu erleichtern. Es wurden 356 Beine ohne achsverändernde Traumata oder Operationen von insgesamt 226 Patienten vermessen. Die femorale und tibiale Torsion wurden anhand von Torsions-CT mit der Messmethode nach Waidelich erfasst. Die Vermessung der Beinachse in der Frontalebene erfolgte nach Paley an Ganzbeinstandaufnahmen. Alle Messungen wurden mit der Software von MediCAD (Hectec GmbH, Altdorf, Deutschland) durchgeführt. Erfasst wurden die femorale und tibiale Torsion, der Winkel zwischen den mechanischen Achsen von Femur und Tibia (mFA-mTA) und die Gelenkwinkel mLPFA, mLDFA, mMPTA und mLDTA. Die gemessenen Parameter wurden anschließend mit IBM SPSS Version 28.0.1.1 statistisch analysiert. Primär wurden die Beine in drei Gruppen eingeteilt. Beine mit einem mFA-mTA kleiner als -1° wurden der Valgus-Gruppe, Beine mit einem mFA-mTA ≥ -1° und ≤ 1,5° der Neutral-Gruppe und Beine mit einem mFA-mTA größer als 1,5° der Varus-Gruppe zugeordnet. Die Ergebnisse dieser Arbeit lassen darauf schließen, dass es keine starken Zusammenhänge zwischen der Beinachse in der Frontalebene und der tibialen und femoralen Torsion gibt. Es zeigte sich zwar der Trend, dass die tibiale Torsion zunimmt, wenn die Beinachse in der Frontalebene von Valgus zu Varus wechselt, allerdings war diese Korrelation mit r = 0,35 (p < 0,001) nur mäßig signifikant ausgeprägt. Eine Beziehung zwischen der femoralen Torsion und dem mFA-mTA in Form einer mäßigen negativen Korrelation (also eine zunehmende femorale Innentorsion beim Wechsel von Valgus zu Varus) fand sich nur bei den männlichen Probanden dieser Studie (r = -0,34; p< 0,001). Auch zwischen den Gelenkwinkeln nach Paley und den Torsionen ließen sich größtenteils keine relevanten Beziehungen feststellen. Allein der mLDFA stand in schwachem Zusammenhang mit der femoralen und tibialen Torsion: Nahm der mLDFA zu, nahmen auch die femorale Innen- (r = -0,23; p < 0,001) und die tibiale Außentorsion (r = 0,36; p < 0,001) zu. Es konnte in dieser Studie gezeigt werden, dass die Frauen häufiger eine valgische Beinachse und signifikant mehr femorale Innentorsion aufwiesen. Dies ist von Bedeutung, da eine Valgusfehlstellung mit vorderem Knieschmerz aufgrund von Patella-Maltracking assoziiert ist. Die aktuelle Studienlage ist bezüglich aller erfassten Messparameter inkonsistent. In einigen Studien konnten Zusammenhänge festgestellt werden, die in anderen Studien nicht vorlagen oder den hier gezeigten Ergebnissen widersprechen. Dies ist darauf zurückzuführen, dass sich aufgrund einer bisher nicht etablierten Standardmessmethode zur Erfassung der Torsion von Femur und Tibia die Messmethode und damit auch die Ergebnisse der einzelnen Studien stark unterscheiden und damit der Vergleich der Studienergebnisse stark erschwert wird. Auch das Studiendesign nimmt (vor allem bezüglich der Ethnie und der Geschlechterverteilung) Einfluss auf die Vergleichbarkeit der einzelnen Studien. Diese Studie zeigt, dass Achsabweichungen in der Frontalebene zwar durchaus mit der Ausprägung der femoralen und tibialen Torsion in Verbindung stehen, die Messwerte der Beinachse in der Frontalebene aber nicht auf das Ausmaß der femoralen und tibialen Torsion schließen lassen. Dies ist klinisch von hoher Relevanz. Es bedeutet nämlich, dass Torsionsdeformitäten im klinischen Alltag immer individuell betrachtet werden müssen und eine genaue und detaillierte Analyse der Beinachse in allen Ebenen bei jedem Patienten von großer Bedeutung ist. Hierbei hervorzuheben ist, dass varische Beine mit einer vermehrten tibialen Außentorsion einhergehen und dass ein größerer mLDFA auch mit einer stärkeren femoralen Innentorsion und einer tibialen Außentorsion in Verbindung steht. Weitere Studien sind nötig, um die hier dargelegten Ergebnisse zu bestätigen.