Umsetzung der stationsäquivalenten Behandlung im städtischen Raum, Pilotstudie zur Implementierung einer neuen Versorgungsform in der Psychiatrie

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URI: http://hdl.handle.net/10900/128439
http://nbn-resolving.de/urn:nbn:de:bsz:21-dspace-1284393
http://dx.doi.org/10.15496/publikation-69802
Dokumentart: Dissertation
Date: 2022-06-27
Language: German
Faculty: 4 Medizinische Fakultät
Department: Medizin
Advisor: Längle, Gerhard (Prof. Dr.)
Day of Oral Examination: 2021-05-11
DDC Classifikation: 610 - Medicine and health
Other Keywords: Stationsäquivalente Behandlung
StäB
License: Publishing license excluding print on demand
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Inhaltszusammenfassung:

Spätestens seit der Psychiatrie-Enquête von 1975 wurde der Sinn für gemeindenahe psychiatrische Versorgungskonzepte in Deutschland geschärft. Nichtsdestotrotz gab es bislang keine aufsuchende psychiatrische Behandlungsform mit festen gesetzlichen Rahmenbedingungen, wie sie in anderen europäischen Ländern und den USA längst üblich ist. Stattdessen herrscht noch immer eine sektorale Trennung in stationär und ambulant vor, wodurch eine große Lücke ungenutzter Versorgungsmöglichkeiten entsteht. Diese Lücke soll nun durch die stationsäquivalente Behandlung (StäB), wenn nicht geschlossen, so doch verringert werden. Die StäB ist eine seit 01.01.2018 bestehende psychiatrische Akutbehandlung, die es schwer psychisch kranken Menschen ermöglicht, durch ein multiprofessionelles Team fachgerecht im häuslichen Umfeld versorgt und behandelt zu werden. Wie der Name vermuten lässt, entspricht die StäB sowohl hinsichtlich der Flexibilität als auch der Komplexität einer vollstationären Behandlung. Ziel dieser Pilotstudie war es, erste wissenschaftliche Erkenntnisse zur StäB zu sammeln und daraus mögliche Hypothesen für größere Folgestudien abzuleiten. Dabei lag das Augenmerk vor allem auf soziodemographischen Aspekten der StäB-Patient*innen sowie der Zufriedenheit der an der Behandlung beteiligten Personen (Patient*innen, Angehörige/Mitbewohner*innen, Behandelnde). Die Studie erfolgte bizentrisch an der PP.rt in Reutlingen und dem ZfP Südwürttemberg an der Klinik Zwiefalten. An beiden Standorten wurden jeweils die ersten 50 Patient*innen, die bereit waren an der Studie teilzunehmen und die Einschlusskriterien erfüllten, in die Studie eingeschlossen. Die Erhebung in Reutlingen erfolgte im Rahmen dieser Arbeit, während die Daten in Zwiefalten im Rahmen einer zweiten Dissertation erhoben wurden. Zur Auswertung wurden sowohl soziodemographische Daten (z.B. Geschlecht, Alter, Hauptdiagnose) als auch Daten der psychiatrischen Basisdokumentation und weitere Variablen (z.B. Behandlungsdauer, Unterbrechung) herangezogen und verglichen. Zusätzlich wurden drei Zufriedenheitsfragebögen entwickelt, mit welchen die Patient*innen, gegebenenfalls deren Angehörige oder Mitbewohner*innen sowie die Behandelnden zu ihrer Zufriedenheit mit der StäB befragt wurden. In einem nächsten Schritt wurden die StäB-Patient*innen der PP.rt mit einer stationären Vergleichsgruppe der PP.rt hinsichtlich der oben genannten Kriterien verglichen. Abschließend erfolgte ein Stadt-Land-Vergleich, wobei die StäB-Patient*innen aus Reutlingen als städtische Patientenpopulation betrachtet wurden und mit den StäB-Patient*innen aus Zwiefalten als ländlicher Patientenpopulation verglichen wurden. Unter den StäB-Patient*innen waren überwiegend Frauen zwischen 40-60 Jahren mit schizophrenen, affektiven und Belastungsstörungen. Außerdem deuteten einige Indikatoren auf ein schwer bis sehr schwer krankes Patientenkollektiv hin. So bestritten beispielsweise nur 8% ihr Einkommen durch eigene Arbeitstätigkeit und 40% waren zuvor bereits über 5-mal in stationär-psychiatrischer Behandlung gewesen. Bei der Zufriedenheitsbefragung konnten für alle drei Gruppen sehr hohe Zufriedenheitswerte festgestellt werden. Der Vergleich mit den stationären Patient*innen ergab, dass in der StäB signifikant mehr Frauen behandelt wurden als auf Station. Außerdem zeigten sich Unterschiede hinsichtlich der Diagnoseverteilung beider Gruppen. Insgesamt deuten die Ergebnisse darauf hin, dass die StäB-Patient*innen mindestens so schwer krank und mit ihrer Behandlung mindestens so zufrieden waren wie die stationäre Vergleichsgruppe. Im Stadt-Land-Vergleich konnten vor allem Unterschiede hinsichtlich der Behandlungsdauer und der Diagnoseverteilung festgestellt werden. Die übrigen Variablen zeigten kaum Unterschiede und auch die Zufriedenheit beider Patientengruppen war vergleichbar hoch. Zusammenfassend konnte diese Studie zahlreiche Hinweise dafür finden, dass die StäB auch für schwer psychisch kranke Menschen und über sämtliche Diagnosegruppen hinweg eine ebenso therapeutisch sinnvolle wie nutzerfreundliche Art der Behandlung darstellt. Für die Zukunft gilt es jedoch, diese Überlegungen in größeren, im besten Falle multizentrischen Studien zu überprüfen und gegebenenfalls besonders von der StäB profitierende Patientengruppen zu identifizieren.

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