Martinus

 

 

 

Martinus - Soldat und Christ

 

 

Ausgrabungen im spätrömischen Kastell Vemania/Isny

 

Das auf einem spornartigen Moränehügel (Bettmauer beim Weiler Burkwang bei Isny, Kr.Ravensburg) in der Talaue der Argen gelegene spätrömische Kastell Vemania/Isny hat Dr.Jochen Garbsch von der Prähistorischen Staatssammlung München in den Jahren 1966-1970 ausgegraben. Die Funde dieser Ausgrabungen hat mein Freund Dr.Jochen Garbsch zum ersten Male 1976 in einer Sonderausstellung im Limesmuseum Aalen der Öffentlichkeit zugänglich gemacht. Das wahrscheinlich unter Kaiser Probus (276-282) an der römischen W-O-Straße Bregenz/Brigantium - Kempten/Cambodunum angelegte Kastell Isny/Vemania war seit der Zeit Diocletians (284-305) Garnison der Ala II Valeria Sequanorum.

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Kastell Isny, RekonstruktionFunde, Sporen aus dem Kastell Isny

 

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Münzportrait des Kaisers Probus (276-282) Münzportrait des Kaisers Diocletian (284-305)

 

Überlieferung - Topographie

Kastell Vemania/Isny wird erwähnt: im Itinerarium Antonini (Verzeichnis der größeren Straßen des römischen Reiches z.Zt. Caracallas, 211-217) und in der Notitia dignitatum (Staatshandbuch des 4./5.Jhds, das die zivilen und militärischen Ämter sowie die Truppenformationen in der O und W Reichshälfte aufführt).

Der Moränehügel des Kastells erhebt sich etwa 12 m über die Talaue der Argen, die in römischer Zeit möglicherweise dicht am Hügel vorbeifloß. Während der als Prallhang im O und der künstlich abgesteilte N-Hang des Hügels einen natürlichen Schutz boten, mußten die S- und W-Seite des Kastells durch einen Graben (B 12 m, T 3 m) gegen das Hochplateau geschützt werden.

Die fast nur noch als Ausbruchsspur feststellbare Umfassungsmauer (B 1-1,80 m) folgt der Kontur des zuvor planierten Geländesporns und bildet ein unregelmäßiges Fünfeck mit Eck- und Zwischentürmen. Das Kastell hatte nur ein Tor im NW. Von dem Plateau (L 60-80 m und B 40-45 m) war das wellige Vorgelände nach N umd W gut zu überschauen.

Von der vermutlich 500 Reiter starken Reitereinheit, die den Limesabschnitt von Isny/Vemania bis Bregenz/Brigantium zu schützen hatte, waren im Kastell Isny etwa 200 Reiter stationiert. Die übrigen 300 Reiter dürften als Besatzungen der etwa 12 bis 15 Burgi zwischen Vemania und Brigantium abkommandiert gewesen sein.

Karte : Spätrömische Kastelle an der West-Ost-Straße

Innenbauten

Die Innenbauten des Kastells waren Holz- und Fachwerkbauten. Es gab nur einen Steinbau (15 x ca 19,50 m), der dem Kommandanten und dessen Stab als Unterkunft gedient haben dürfte. Hinter der N-,O- und W-Mauer standen im Abstande von 1,50-5 m Mannschaftsbaracken, deren Größe in den verschiedenen Kastellperioden wechselt.

Im Kastell wurden Werkstätten für Eisen- und Bronzeverarbeitung nachgewiesen. Zwei Brunnen dienten der Wasserversorgung.

  

Schatzfunde

Zwei Münzschatzfunde - ein zerstreuter Fund in der Nähe des Tores und ein Fund mit 387 Münzen in der Kaserne hinter dem S-Teil der O-Mauer - sind wohl beide in das Jahr 282/283 zu datieren. In diesem Jahr wurde das Kastell sehr wahrscheinlich zerstört.

Unter Diocletian (284-305) wieder aufgebaut, ging das Kastell bereits 302/303 erneut in Flammen auf. Darauf weisen zwei weitere Schatzfunde hin, die 302/303 in den Boden gekommen sein dürften. Der eine Schatz mit 771 Folles (follis ist eine von Diokletian eingeführte große Kupfermünze) wurde in der Kaserne hinter der N-Mauer und der zweite Schatz mit 193 Münzen und umfangreichem Frauenschmuck am S-Ende der gleichen Kaserne gefunden. Da die Folles dieser Schatzfunde zum größten Teil in der Münzstätte Karthago geprägt (296 und 298) wurden, ist damit zu rechnen, daß die Ala II Valeria Sequanorum an dem Afrikafeldzug Maximians 296-299 teilgenommen hat.

Martin09.jpg (16673 Byte)Kasernen im Kastell Isny mit Fundstellen der Schatzfunde

Martin10a.jpgSchatzfunde Martin10.jpgSchatzfunde

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Münzporträts von Constantin d.Gr. 306-337 und seiner Söhne Constans 337-350 und Constantius II 337-361

Unter Constantin d.Gr.(306-337) wurde Kastell Isny wieder aufgebaut. Wahrscheinlich nach 350 und in den 60iger Jahren des 4.Jhds. wurde das Kastell noch zweimal zerstört und wieder aufgebaut.

Kastell Isny blieb wohl bis 401 besetzt. In diesem Jahre holte Stilicho die Truppen zur Sicherung Oberitaliens gegen Alarich nach Italien. Ein Jahr zuvor war Martinus, Bischof von Tours, gestorben.

Die Ausgrabungsfunde von Vemania/Isny sind jetzt im Württembergischen Landesmuseum im Alten Schloß in Stuttgart ausgestellt.

  

Im Lagerdorf Aalen geht nach 260 das Leben weiter

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Wachturm Rheinau BuchPlan Rheinau Buch

Martin12h.jpg (39268 Byte)Reitergrabstein Bad Cannstatt

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Hortfund von Rheinau Buch Kleeblattkanne aus dem Hortfund

 

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Aus dem Hortfund

Die Alamannen überrennen 260 den obergermanisch-rätischen Limes und besetzen das rechtsrheinische Limesgebiet. Donau, Iller und Rhein werden neue römische Reichsgrenze. Die Namen der bis dahin im Limesgebiet stationierten römischen Einheiten verschwinden aus der Überlieferung. Es ist anzunehmen, daß die Verbände im Kampf mit den Alamannen aufgerieben wurden oder nach der Niederlage sich selbst auflösten. Das war wohl auch das Schicksal der seit 150 in Aalen stationierten Ala II Flavia pia fidelis milliaria. Münzfunde des 3. und 4.Jhds. sprechen dafür, daß auch nach dem Alamannensturm das Leben im Lagerdorf des Kastells Aalen, wenn auch bescheiden, weitergeht.

Ma21.jpg (26390 Byte)Modell des Kastells Aalen

Das Kastell ist verlassen, Kasernen, Verwaltungs- und Versorgungsbauten stehen leer. Die nach Kriegsende zu ihren Familien, zu Frauen und Kindern ins Lagerdorf zurückkehrenden Soldaten konfiszieren das Lagerinventar und benutzen die Lagerbauten als Steinbruch für Ihre Häuser. Noch heute sind in den Mauern der St.Johanniskirche vor dem Ausfallstor (porta praetoria) des Kastells Aalen großformatige Steine ehemaliger römischer Lagerbauten vornehmlich des Ausfallstores (porta praetoria), der Lagermauer und eines Dolichenustempels als Bausteine (Spolien) vom Landesdenkmalamt 1973 bei den Restaurierungsarbeiten sichtbar gemacht worden.

Im Innern der St.Johanniskirche ist in die Westmauer ein auf die Seite gelegtes römisches Altärchen mit Sockel und Gesims vermauert. Die Opferschale weist nach links, was pietätvoll besagt: die alte Religion wird nicht mehr ausgeübt - das Opfer der neuen Heilslehre wird jetzt auf dem christlichen Altartisch vollzogen.

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St.Johanniskirche, NordseiteSt.Johanniskirche, SüdseiteSt.Johanniskirche, Westseite
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Weiheinschrift für Jupiter Dolichenus,
gefunden im Fundament der St.Johanniskirche
Weiheinschrift in situ,
gefunden im Fundament der St. Johanniskirche

Aus den Fundamenmtmauern der St.Johanniskirche kam 1973 ein etwa 30 Zentner schwerer Inschriftstein für Iupiter Dolichenus, dessen Kult durch ein graviertes Bronzeblech einer im Fahnenheiligtum gefundenen Standarde seit langem für Aalen belegt ist, in das Limesmuseum, geweiht von Titus Vitalius Adventus, Rittmeister (decurio) der Ala II Flavia milliaria. Die Weiheinschrift diente als Basis für eine Statue des Iupiter Dolichenus, die sehr wahrscheinlich in einem Dolichenustempel vor dem Ausfallstor (porta praetria) des Kastells in unmittelbarer Nähe der späteren St.Johanniskirche aufgestellt war. Aalen war ein Mittelpunkt des Dolichenuskultes in den Donauprovinzen. Die christliche St.Johanniskirche hat den heidnischen Dolichenustempel in einem römischen heiligen Bezirk vor dem Ausfallstor des Kastells abgelöst.

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Keramik- und Schmuckfunde aus einem Mädchengrab des 3. Jh. von Lauffen, Kreis Heilbronn

 

 

Im 3.Jhd. christliche Gemeinden in Rätien.

Mit den orientalischen Kulten des Jupiter Dolichenus, des Mithras und der Magna Mater, Cybele, war auch die Lehre des Sol Invictus Christus in die Donauprovinzen gekommen. Bedeutender Ausgangspunkt der neuen Heilslehre, des Christentums, ist Aquileia an der Adria, Knotenpunkt eines reichverzweigten Straßennetzes nach den Donauländern. Aquileia, das enge Beziehungen zum Osten unterhält, ist für den Handel und Verkehr nach dem Norden das "Venedig der Kaiserzeit".

Von Augsburg aus könnte die christliche Religion wie der Dolichenuskult im 2./3.Jhd. nach Aalen gekommen sein. Der Praefectus Alae II Flaviae milliariae, ranghöchster Offizier der Auxiliareinheiten in Rätien, war Stellvertreter des in Augsburg residierenden Statthalters (procurator). Eine ständige Verbindung des Praefectus Alae II Flaviae milliariae und seines Stabes zu dem Officium (Kanzlei) des Statthalters in Augsburg ist gesichert. Alle Weisungen für die Ala II Flavia milliaria kamen von dem Statthalter in Augsburg. So bedurften selbst Neubauten im Kastell Aalen der ausdrücklichen Genehmigung des Statthalters. Die Bauarbeiten wurden von Augsburg überwacht.

Zwei in Augsburg gefundene Inschriften von Angehörigen der Ala II Flavia milliaria belegen die engen Beziehungen Aalen - Augsburg, die auch nach 260 bei den Bewohnern der römischen Nachfolgesiedlung in Aalen nicht abgerissen sein dürften.

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Principia (Stabsgebäude) des Kastells Aalen

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Principia (Stabsgebäude) des Kastells Aalen - Überblick

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Inschrift des Steinkastells Aalen 163/164

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Inschrift des Steinkastells Aalen Original

 

Diokletianische Christenverfolgung

In Rätien (zwischen Bodensee und Inn) gibt es seit dem Ende des 3.Jhds. in Augsburg/Augusta Vindelicum und Regensburg/Castra Regina christliche Gemeinden. Die heilige Afra erleidet während der diokletianischen Christenverfolgung im Jahre 304 den Märtyrertod in Augsburg und wird vor den Toren der Stadt begraben.

Das jetzt außerhalb des römischen Machtbereiches liegende ehemalige Territorium der Ala II Flavia milliaria könnte Refugium für die von den Schergen Diokletians verfolgten Christen gewesen sein.

In Augsburg gibt es christliche Grabsteine des 4.Jhds. Eine in Regensburg gefundene Grabinschrift bezeugt die Beisetzung einer Sarmanina "bei den Gräbern der Märtyrer" (quiscenti in pace martiribus sociatae).

Grabstein der Sarmanina

In Noricum (Österreich) erleidet der Heilige Florian, Bürovorsteher des Statthalters, im Jahre 304 in Lorch/Lauriacum das Martyrium und wird in der Enns ertränkt.

In der 2.Hälfte des 4.Jhds. bekennen sich die Bewohner Rätiens und Noricums, vor allem aber die Städte wie Augsburg, Regensburg, Salzburg und Chur überwiegend zum Christentum. Augsburg und Chur sind wahrscheinlich, Regensburg vielleicht damals schon Sitz eines Bischofs.

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Offiziershelme des 4. Jh. von Augsburg

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Hortfund aus dem Rhein, 4. Jh.

Kaiser Diokletian (284-305) läßt Donau, Iller und Rhein als neue römische Reichsgrenze gegen Franken und Alamannen befestigen. Von Baden Württemberg gehört jetzt nur noch das Inselkastell Brisiacum/Breisach und das Gebiet um das Kastell Vemania/Isny zum römischen Reich. Kastell Vemania/Isny war bis 401 Garnison der Ala II Valeria Sequanorum, zu einer Zeit, als Martinus in der 2.Hälfte des 4.Jhds. in Gallien missioniert (+ um 400).

 

Um die Öffentlichkeit und vor allem die Jugend für unsere Ausstellung im Limesmuseum zu interessieren, haben wir damals den Heiligen Martin die Ausstellung am Martinstag 1976 mit einem Martinsritt vom Rathaus zum Limesmuseum eröffnen lassen.

 

 

Martinus von Tours

Geburtsort Steinamanger - Jugendjahre in Pavia

Martinus wird als Sohn eines römischen Offiziers (Tribunus, Oberst) in Savaria/Szombathely, Steinamanger in Pannonien (Ungarn) geboren. Sein Geburtsjahr ist umstritten: 317 oder ca.335/338.

 

Die Jugendjahre verbringt Martinus in Oberitalien, in Pavia, der Heimat des Vaters. In Pavia lernt Martinus das Christentum kennen. Höchst widerwillig beugt er sich dem Willen des Vaters, in die römische Armee einzutreten: mit 15 Jahren wird er zu den Alae scolares eingezogen - einer zur Leibwache (Schola palatina) des Kaisers Constantius II (284-305) in Mailand gehörender Truppe. Mediolanum/Mailand ist seit der Verwaltungsreform des Kaisers Diokletian (284-305) Residenz der westlichen Reichshälfte.

 

Sulpicius Severus - Biograph des Heiligen Martin

Sankt Severin

Sulpicius Severus (um 363-420/25), gelernter Advokat aus Toulouse/Tolosa, ist Zeitgenosse Martins. Nach dem Tode seiner Frau entsagt er der Welt. Er besucht Martinus im Kloster und schreibt noch zu dessen Lebenszeit die Biographie: Vita sancti Martini episcopi et confessoris (Leben des heiligen Martin, des Bischofs und Bekenners). Aus seiner Feder sind zusätzlich 3 Briefe und 3 Dialoge überliefert, die von Martinus berichten.

Das Leben des Heiligen Martin haben außerdem beschrieben: Paulinus von Petricordia (um 470), Venatius Fortunatus (um 530-600) und Gregor von Tours (538-594), der siebte Nachfolger des Heiligen Martin auf dem Bischofstuhl von Tours.

 

Sulpicius Severus berichtet, Martinus habe unter dem Kaiser Constantius II, dann unter dem Caesar Iulianus (355-361) in den Alae scolares gedient (inter scolares alas sub rege Constantio, deinde sub Iuliano Caesare militavit. Vita St.Mart. 2,2).

 

Ermordung des Constantinsohnes Constans 350

Als Martinus im römischen Heer dient, geht es in Gallien drunter und drüber. Der von einem germanischen Kriegsgefangenen abstammende Magister militum Magnentius läßt 350 den im Westen des Reiches regierenden Constantinsohn Constans (337-350) ermorden und usurpiert dessen Thron. Magnentius schickt Truppen gegen Kaiser Constantius II nach Italien und schwächt damit die Rheingrenze. Die nur schwach besetzten Limesanlagen am Rhein verlocken die Germanen zum Angriff. Im Jahre 352 fallen Franken und Alamannen wie 100 Jahre zuvor plündernd in der Pfalz, im Elsaß und der Schweiz ein und besetzen weite Teile des Landes.

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Münzportrait des Magnentius 350-353                 Münzportrait des Constantius II 337-361

Wohl eröffnet Constantius II nach Beseitigung des Magnentius 355 eine Großoffensive gegen die im Breisgau wohnenden Alamannenfürsten Gundomad und Vadomar. Er überschreitet mit seinen Truppen den Rhein bei Kaiseraugst/Castrum Rauracense. Aber Constantius II kann die Alamannen nicht wieder vom linksrheinischen Gebiet vertreiben.

Den Mittel- und Niederrhein verteidigt bis dahin der Magister peditum Silvanus von Köln aus mit Erfolg gegen die Franken. Im gleichen Jahr 355, in dem der Magister equitum Arbetio von Mailand aus die lentiensischen Alamannen im Linzgau nördlich des Bodensees besiegt, wird Silvanus Opfer einer Intrige am Mailänder Hof - und wird in Köln ermordet.

Der Tod des Silvanus ist das Angriffssignal für die Franken. Sie überqueren den Rhein und plündern weite Teile Galliens.

 

Ammianus Marcelinus

Ein lebendiges Bild der Kämpfe zwischen Römern und Alamannen zu der Zeit als Martinus in Gallien missioniert, beschreibt der aus Antiochia in Nordsyrien stammende Geschichtsschreiber Ammianus Marcelinus (geb.um 330) in seinem Geschichtswerk Res gestae von 69 bis 378, womit er an die Historien des Tacitus anschließen möchte. Erhalten sind die Bücher 14-31, in denen Ammian die von ihm als protector domesticus teilwseise beim römischen Heer selbst miterlebte Epoche der Jahre 353 bis 378 fesselnd schildert.

 

Constantius II schickt Iulianus nach Gallien 355

In dieser misslichen Lage - seit der Ermordung des Constans fehlt in Gallien die Führung - ernennt Kaiser Constantius II seinen Vetter Iulianus am 6.11.355 zum Caesar des Westens und schickt ihn mit einer Leibgarde von 360 Soldaten Anfang Dezember 355 nach Gallien. Iulian soll Vertrauen erwecken, die Bewohner Galliens aufmuntern und zum Widerstand ermutigen.

Iulianus, Neffe Constantin d.Gr., war nach dem Tode Constantins d.Gr. 337 als Fünfjähriger knapp dem Masaker der Soldateska entgangen, die auf das Gerücht, Constantin habe in seinem Testament seine Brüder des Giftmordes beschuldigt, den Vater Iulians und alle männlichen Verwandten des Hauses ausrotten bis auf Iulian und dessen Stiefbruder Gallus.

Ma06.jpg (6972 Byte)Münzportrait Iulians

Constantius II läßt Iulian ab 345 auf einem entlegenen Landgut in Cappadokien in Kleinasien im christlichen Glauben erziehen. Aber Iulian studiert auch die heidnischen Klassiker und kehrt vom Christentum zur alten heidnischen Religion zurück.

354 wird er an den Mailänder Hof zitiert. Constantius II ernennt seinen Neffen zum Caesar des Westens und schickt ihn Anfang Dezember 355 mit einer Scholenabteilung von Mailand nach Gallien. - Zu dieser aus der kaiserlichen Garde herausgelösten Scholenabteilung gehört Martinus.

Constantius II und Iulian wollen 356 die Alamannen mit einer Zangenoperation zur Kapitulation zwingen. Das Unternehmen hat aber nicht den gewünschten Erfolg. Das Elsaß bleibt weiterhin von Alamannen besetzt. Iulian geling es lediglich, die Stadt Köln von den Franken zurückzugewinnen (Ammian XXVI 3.4).

Erfolgreicher ist im darauffolgenden Jahr 357 die Zangenstrategie Iulians und des Heermeisters Barbatio. Wenn es auch zu Zwistigkeiten des älteren Heermeisters mit dem jungen Cäsar kommt, so gelingt es jedoch Iulian, die Rheingrenze wieder zu sichern und mit dem Wiederaufbau der zerstörten Befestigungsanlagen zu beginnen. - Da überfallen die Alamannen die ohne Sicherheitsvorkehrungen schon im Sommer in die Winterquartiere abrückenden Truppen des Barbatio. Panik entsteht (Ammian XVI 11).

Nach diesem Erfolg über Barbatio glauben die Alamannenfürsten, auch mit Iulian fertig werden zu können und versammeln die Aufgebote ihrer Gaue am Rhein: Chnodomar und dessen Neffe Serapio (aus der Gegend südlich von Karlsruhe ?), Westralp, Urius, Ursinicus (aus ihren Siedlungsgebieten am mittleren und oberen Neckar), Suomar (Wohnsitz südlich unterer Main), Hortar (wohl aus dem Kraichgau). Mindestens drei Alamannenfürsten - unter ihnen wohl Macrian und Hariobaudus von dem Gebiet um Wiesbaden zwischen unterer Lahn und dem Rhein - schicken Hilfstruppen gegen Sold (Ammian XXVI 12,26). Zu ihnen stoßen die Breisgauer (Brisigavi) des Fürsten Vadomar. Gundomad (wohnhaft im südlichen Baden, Basel gegenüber), wird ermordet und der 354 mit Constantius II geschlossene Vertrag gebrochen (Ammian XXVI 12,1.23-26).

Schlacht bei Straßburg 357

Die Alamannenfürsten schicken Gesandte zu Iulian nach Zabern (arr.Saverne) mit der Forderung: "Die Römer sollten das linke Rheinufer räumen, das sie, die Alamannen, mit dem Schwert erobert hätten !"

 

Iulian hält die Gesandten zurück. Daraufhin überschreiten die Alamannen unter dem Oberbefehl des Chnodomar in der zweiten Augusthälfte 357 den Rhein wahrscheinlich bei Seltz und rücken gegen Straßburg vor.

Es kommt zur Schlacht bei Straßburg (zwischen Ittenheim und Oberhausbergen). Iulian siegt, Chnodomar wird gefangengenommen und nach Rom geschickt (Ammian XVI 20 ff.).

Iulian nutzt den Sieg. Er marschiert nach Mainz, überquert den Rhein auf einer Schiffsbrücke und operiert bis zum Einbruch des Winters im unteren Maingebiet. Auf dem Rückmarsch läßt er ein von Traian erbautes munimentum wiederherstellen (Ladenburg/Civitas Ulpia Sueborum Nicretum ?) und schließt mit drei alamannischen Fürsten, deren Namen nicht genannt werden, einen zehnmonatigen Vertrag (Ammian XVII 1,1-13).

Auch in den beiden folgenden Jahren sucht Iulian die Alamannenfürsten in ihren rechtsrheinischen Wohnsitzen auf. Im Sommer 358 verlangt er von dem Fürsten Suomar im unteren Maingebiet die Auslieferung aller Gefangenen und fordert Getreidelieferungen für das römische Heer. Noch im gleichen Jahr führt er seine Truppen wahrscheinlich von Speyer aus in das Gebiet des Hortar (im Kraichgau ?). Auch Hortar muß alle Gefangenen herausgeben und für den Wiederaufbau der von den Alamannen zerstörten linksrheinischen Städte Bauholz liefern und Fuhrwerke zur Verfügung stellen (Ammian XVII 10,1-10).

 

Mantelteilung - Martinus wird Christ

Am Stadttor von Amiens/Civitas Ambianensium spielt die von Sulpcius Severus überlieferte Szene: "Mitten im Winter begegnet Martinus am Tor der Hauptstadt der Ambianer, Amiens, einem notdürftig bekleideten Armen. Dieser bittet die Vorübergehenden, sich seiner zu erbarmen. Es gehen aber alle an seinem Elend vorbei. Da zieht Martinus das Schwert, teilt seinen Soldatenmantel in zwei Teile, gibt den einen dem Armen und hüllt sich selbst in den anderen".

 

Martinus läßt sich taufen und wird Christ. Er bleibt noch zwei Jahre in der römischen Armee. Als Iulian vor einem Kampfeinsatz gegen die Alamannen in der Gegend von Worms, Geldgeschenke zur Motivation der Soldaten verteilen läßt, verweigert Martinus die Annahme und bittet um Entlassung aus dem Heeresdiensts. Wider Erwarten ziehen sich die Alamannen zurück. Es kommt nicht zum Kampf. Iulian muß das Entlassungsgesuch des Martinus akzeptieren.

Martinus geht zum Bischof Hilarius (um 320-366) nach Poitiers, der ihn zum Exorzisten (Teufelsaustreiber) weiht.

 

Christen im römischen Heer

Am Rhein ist das Christentum seit dem beginnenden 4.Jhd. besonders im Heer nachweisbar, gefördert von Kaiser Constantin d.Gr. und seinen Söhnen. Mit dem Christogramm auf der Heeresfahne siegt Constantin in der Schlacht an der Milvischen Brücke (28.10.312) nördlich von Rom über Maxentius, den Sohn Kaiser Maximians (von den Prätorianern 306 in Rom zum Augustus ausgerufen).

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Maxentius 306-312Fahne mit Christogramm

Constantin beschließt mit Licinius (dem Herrscher über die Donau- und Balkanländer) im Februar 313 in Mailand, die christliche Religion im Staate zu fördern. Im Winter 312/313 überläßt Constantin den Palast der Laterani dem Bischof von Rom (heute San Giovanni in Laterano). Auf dem Ager Vaticanus, wo der Apostel Petrus 67 im Circus des Nero den Martertod erlitt, läßt Constantin St.Peter, in Bethlehem über der Geburtsgrotte die Geburtskirche und in Jerusalem die Grabeskirche bauen. Helena - die Gemahlin des ab 318 in Trier als Cäsar der westlichen Reichshälfte residierenden Constantinsohnes Crispus - stellt 326 nach der Familientragödie (Constantin läßt seinen Sohn hinrichten) ihren Palast in Trier für eine Doppelbasilika zur Verfügung - die erste Bischofskirche Triers. Für Constantin wird 310 die heute noch erhaltene "Basilika" als kaiserlicher Audienzsaal seines Palastes in Trier erbaut.

 

Martinus besucht seine Eltern

Nach der folgenschweren Lebensentscheidung und dem Quittieren des Heeresdienstes verlangt es Martinus, die Eltern und die Heimat wiederzusehen. Hilarius läßt ihn ungern ziehen.

Martinus macht sich auf den Weg nach Pannonien (Ungarn) zu seinen Eltern und Verwandten. Seine Mutter kann er für das Christentum gewinnen - der Vater bleibt Heide. Als Martinus sich gegen den Arianismus wendet - Arius lehrt: Christus, der Sohn Gottes, ist dem Vater nicht gleich und nicht wesenseins - wird er mit Ruten geschlagen und aus der Heimat vertrieben. Aus dem gleichen Grunde läßt ihn der arianische Bischof Auxentius aus Mailand ausweisen. Martinus zieht sich als Einsiedler auf die Insel Gallinaria bei Genua zurück.

 

Gründung des Klosters Ligugé - monasterium Locociacum

Das erste Kloster in Frankreich 360

Schließlich geht er wieder nach Gallien und bezieht um 360 bei Pictavium bei Poitiers eine Zelle als Einsiedller. Er will die Bevölkerung Galliens zum Christentum bekehren. Sein Vorbild lockt Gleichgesinnte an. Es entsteht das Kloster Ligugé - monasterium Locociacum, das erste Kloster in Frankreich.

Martinus überzeugt durch Bedürfnislosigkeit und Frömmigkeit. Auf seinen Missionsreisen befreit er das Landvolk vom Aberglauben. Er läßt heidnische Tempel durch Kirchen und Klöster ersetzen. Er sorgt für die Armen, pflegt und heilt die Kranken.

 

Iulian am vorderen Limes 359

Mit einem Überraschungsangriff 359 wahrscheinlich in der Gegend von Speyer gelingt Iulian ein Vorstoß in das Gebiet des Hortar. Iulian führt seine Truppen bis zum ehemaligen vorderen Limes, sehr wahrscheinlich in die Gegend von Öhringen (Hohenlohekreis). Der Heereszug erreicht den vorderen Limes "in der Gegend, die Cappelatium oder Palas genannt wird, wo Grenzsteine der Römer und Burgunder Gebiet scheiden" (Ammian XXVIII 2,15).

In einem Lager am Limes empfängt Iulian die von der unteren Lahn und dem Main angereisten Alamannenfürsten Makrian und Hariobaudus. Aus dem Breisgau kommt Vadomar und bittet auch im Namen der Fürsten Urius, Ursinicus und Westralph (vom mittleren und oberen Neckar) um Frieden. Aber Iulian läßt deren Land so lange verwüsten, bis sie Gesandte schicken und versprechen, alle Kriegsgefangenen herauszugeben. Iulian soll auf seinen Feldzügen 20 000 römische Soldaten aus der Gefangenschaft der Alamannen befreit haben. Er nennt sich jetzt Alamannicus (Iulian, Oratio Vc.8 S.227. - Ammian XVIII 2).

 

Iulian - Constantius II

Anfang 361 überfallen die Alamannen Vadomars erneut die an Rätien angrenzenden Gebiete. Iulian schickt den Comes Libino mit einer Truppenabteilung zu Hilfe. Libino trifft bei Sanctio (Säckingen ?) auf die Alamannen. Er unterliegt und fällt.

Als Vadomar bei den römischen Grenzwachen erscheint und seine Unschuld beteuert, läßt Iulian ihn festnehmen und nach Spanien abtransportieren.

Die Beziehungen Iulians zu Constantius II verschlechtern sich schlagartig, als die Soldaten Iulian in Paris 360 zum Augustus ausrufen. Constantius verweigert die nachgesuchte Anerkennung. Daraufhin rüstet Iulian zum Krieg gegen Constantius II und zieht bei Kaiseraugst Truppen zusammen. Vor dem Abmarsch auf den Balkan gegen Constantius führt Iulian noch einen Vergeltungsschlag gegen die nichtsahnenden Alamannen. Dann führt er seine Truppen von Kaiseraugst durch den Schwarzwald (Silvae Marcianae) mitten durch alamannisches Gebiet zur oberen Donau und wohl ab Ulm zu Schiff donauabwärts Richtung Mitrowitz a.d.Save/Sirmium (Ammian XXI 3-4 und 8,1.2).

Das Blutvergießen bleibt erspart. Constantius II (Sohn Constantins d.Gr. und der Fausta) stirbt während des Perserkrieges in Cilicien (am 3.11.361). Iulian ist Alleinherscher. An den Rhein kehrt er nicht mehr zurück. Auch er muß gegen die Perser Krieg führen, wo er 363 am Tigris bei einem Angriff persischer Reiterei von einer feindlichen Lanze verwundet in der darauffolgenden Nacht stirbt. Er geht als der große Abtrünnige "Apostata" in die Geschichte ein. Die Legende berichtet, Iulian habe, tödlich getroffen, Blut von seiner Wunde in die Hand träufeln lassen und es wie ein Spendeopfer ausgegossen mit den Worten: "Galiläer, du hast gesiegt!" Mit Galiläer meinte er Christus. Iovianus (363-364), der Nachfolger Iulians, hebt die christenfeindlichen Erlasse Iulians wieder auf.

 

Iovinus besiegt die Alamannen bei Châlons-sur-Marne 366

Solange Iulian lebt und auch noch unter der kurzen Regierung seines Nachfolgers Iovian (363-364) herrscht an Rhein und Donau Ruhe - die allerdings mit Tributzahlungen an die Alamannen erkauft werden muß. Das änderte sich schlagartig nach dem Regierungsantritt Valentians I (364-375). Empört verlassen alamannische Gesandte den kaiserlichen Hof in Mailand, als sie statt der gewohnten "Geschenke" minderwertige Gaben vom Kaiser erhalten (Ammian XXVI 5,7 ff). Schon im Januar des darauffolgenden Jahres (365) überschreiten die Alamannen - wahrscheinlich von Withikap, dem Sohne Vadomars, angestiftete Krieger der Gaue am oberen Neckar und an der Donauquelle - den zugefrorenen Rhein und plündern Gallien, bis sie der Heermeister Iovinus 366 an der Mosel und auf den katalaunischen Feldern bei Châlons-sur-Marne vernichtet (Ammian XXVII 2,1-11).

Münzportrait Valentinians I 364-375

Der Alamannenfürst Rando überfällt 368 - wahrscheinlich am Osterfest - mit einer Kriegerschar die Stadt Mainz. Er läßt eine große Zahl der Bewohner fortschleppen und plündert die Stadt (Ammian XXVII 10,1-16).

 

Feldzug Valentinians in das Limesgebiet 368

Valentinian schlägt zurück und führt im Sommer 368 das römische Heer zu einem Vergeltungsfeldzug bei Mainz oder Worms über den Rhein in das ehemalige Limesgebiet (Ammian XXVII 10,7.8). Den Kaiser begleiten sein zehnjähriger Sohn Gratianus und dessen Lehrer Decimus Magnus Ausonius, Lehrer der Redekunst in Burdigala/Bordeaux - seit 365 als Erzieher des Prinzen Gratian an den kaiserlichen Hof in Trier berufen.

Bald nach der Rückkehr aus dem Alamannenfeldzug verfaßt Ausonius das Gedicht Mosella, in dem es heißt: Valentinian I habe die Alamannen vertrieben über den Neckar und Ladenburg und über die Quellen der Donau hinaus (Mosella 421 ff). Ausonius erhält als Beuteanteil die junge Alamannin Bissula, die er in seinen Gedichten besingt (Ausonius, De Bissula).

Von Alta Ripa/Altrip aus überquert er auf einer Schiffsbrücke den Rhein, um Befestigungen an der Neckarmündung anlegen zu lassen (Burgus Ladenburg). Valentinian I lernt während des Feldzuges die Verhältnisse im ehemaligen Limesgebiet kennn. Seit 368 führt er den Titel Alamannicus maximus (W.Kuhoff, Quellen 1984,109). Er läßt "die ganze Rheinlinie von der Quelle in Rätien bis zur Meerenge des Ozeans durch gewaltige Festungswerke sichern. Er läßt die Lagerwälle erhöhen und Kastelle sowie eine fortlaufende Reihe von Türmen an geeigneter Stelle errichten, entlang der ganzen gallischen Grenze. Zuweilen läßt er auch Blockhäuser jenseits des Stromes anlegen" (Ammian XXVIII 2,1-9 und 5,8-15).

Valentinian I überfällt 371 die gegenüber von Mainz wohnenden Bukinobanten, um deren König Makrian in seine Gewalt zu bekommen. Makrian kann sich aber rechtzeitig absetzen. Die Operation ist ohne Erfolg.

 

Bischofswahl in Tours 371

In dieser von Krieg und Verwüstung geprägten Zeit wird der Mönch Martinus in Gallien durch seine seelsorgerische Tätigkeit und seinen absoluten Einsatz für Kranke und Arme bei dem einfachen Volk sehr beliebt. Die breite Volksmasse will den Mönch Martinus 371 zu ihrem Bischof haben. Martinus lehnt entschieden ab. Es bedarf einer List, ihn zur Bischofswahl aus dem Kloster in die Stadt Tours zu locken. Ein Familienvater wird in das Kloster geschickt, um Martinus an das Krankenlager seiner Frau zu holen.

Als Martinus in die Stadt Tours kommt, ist bereits eine große Menschenmenge versammelt. Auch aus den benachbarten Städten sind die Leute herbeigeeilt. Am 4.Juli 371 wählt das Volk in einer öffentlichen Abstimmung gegen die Stimmen aus dem Klerus Martinus zum Bischof von Tours. Als Bischof bewohnt Martinus zunächst eine an die Kirche von Tours angebaute Zelle.

 

Goten, Alanen und Hunnen überqueren die Donau 376

Von den Hunnen bedrängte Scharen der Westgoten bitten 376 an der unteren Donau Kaiser Valens (364-378), den Beherrscher der östlichen Reichshälfte, um Aufnahme in das römische Reichsgebiet. Valens, Bruder Valentinians I, gewährt ihnen die Aufnahme in das römische Reich und gibt Anweisung, die Westgoten in Thrakien anzusiedeln. Grenztruppen führen die Neusiedler in das Landesinnere, so daß die Donaufront nur von schwachen Truppen besetzt bleibt. Diese können nicht verhindern, daß nunmehr auch Ostgoten, Alanen, Hunnen u.a. die Donau überqueren und plündernd auf dem Balkan umherziehen. In dieser Notlage ruft Valens seinen Neffen Gratian aus Gallien zu Hilfe. Er selbst rückt mit seinen Truppen von Konstantinopel nach Adrianopel auf den Balken vor.

 

Ammian berichtet, ein Leibwächter Kaiser Gratians aus dem Stamme der Lentienser, vom Kaiserhof in Trier auf Heimaturlaub, habe seinen Landsleuten von der Krise auf dem Balkan berichtet: Kaiser Gratian wolle noch im Winter 377/378 seinem Oheim Valens mit Truppen zu Hilfe kommen. Auf diese Nachricht hin greifen die Alamannen zu den Waffen: Eine Schar der Lentienser überquert im Februar 378 den zugefrorenen Oberrhein und fällt in Rätien ein. Aber die Grernztruppen weisen die Eindringlinge zurück. Durch diesen Zwichenfall gewarnt, verzögert Gratian den Abmarsch seiner Truppen auf den Balkan und bleibt in Gallien.

In der festen Überzeugung, das römische Heer sei bereits abmarschiert, fordert Priarius, Häuptling der Lentienser, die anderen alamannischen Gaue auf, gemeinsam mit den Lentiensern die römischen Genzwachen zu überfallen: Die Alamannen überschreiten wahrscheinlich bei Breisach den Rhein und gehen gegen Horburg/Argentovaria vor. Hier kommt es zur Schlacht. Die Alamannen werden vernichtend geschlagen. Priarius fällt (Ammian XXXI 10,2-18).

 

Letzter Feldzug eines römischen Kaisers in das rechtrheinische Gebiet 378

Anstatt schleunigst in Eilmärschen auf den Balkan aufzubrechen, um seinem Oheim Valens beizustehen, überquert Gratian den Hochrhein, um zuvor noch mit den Lentiensern abzurechnen. Die Lentienser ziehen sich in die Berge zurück und bitten um Frieden. Gratian gewährt ihnen diesen unter der Bedingung: sie müssen ihre Jungmannschaft für den römischen Kriegsdienst zur Verfügung stellen.

Dieser Feldzug Gratians im Jahre 378 ist der letzte, den ein römischer Kaiser in das rechtsrheinische Limesgebiet unternimmt (Ammian XXI 10,11 f.). Erst jetzt eilt Gratian auf den Balkan. Aber er kommt zu spät, um in die Entscheidungsschlacht bei Adrianopel eingreifen zu können. Kaiser Valens unterliegt den Ost- und Westgoten. Er fällt in der Schlacht (am 9.8.378). Die Goten bleiben fortan auf dem Balkan.

 

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Münzportrait des Valens 364-378 Münzportrait des Gratian 367-383 Münzportrait des Theodosius 379-395

Gratian erhebt den magister equitum Theodosius zum Kaiser des Ostreiches (379-395). Theodosius nimmt die Mehrzahl der Goten als Verbündete (foederati) in das Reichsgebiet auf. Noch im gleichen Jahr muß Gratian von Sirmium/Mittrowitz a.d.Save nach Gallien zurückkehren: die Alamannen haben erneut die Grenze überschritten.

Mit dem Unglücksjahr 378 schließt Ammianus Marcellinus, der letzte große Historiker Roms - die Schlacht bei Adrianopel erschien ihm als eine Katastrophe wie Cannae - seine teilweise von ihm selbst miterlebte Geschichte. Wären wir lediglich auf die Interpretation der archäologischen Funde angewiesen - wir wüßten nichts von den Feldzügen der Kaiser Constantius II, Iulian, Valentinian I, Gratian und ihrer Heermeister an Rhein und Donau und in das rechtsrheinische Limesgebiet.

 

Gründung des Klosters Marmoutiers bei Tours

Martinus gründet eine halbe Stunde Wegs vor den Mauern der Stadt Tours das Kloster Marmoutiers auf dem nördlichen Ufer der Loire. Felswände und die Loire schließen das Kloster von der Außenwelt ab. Ein schmaler Saumpfad ist der einzige Zugang. Hier versammelt Martinus etwa 80 Mönche, die seinem Vorbilde nacheifern. Es gibt kein Eigentum. Aller Besitz ist Gemeingut. Niemand darf kaufen oder verkaufen. Die Jüngeren üben sich im Schreiben, die Älteren beten.

Von Marmoutiers aus besorgt Martinus seine bischöflichen Funktionen am Dom in Tours. Von hier aus zieht er mit seinen Jüngern auf Missionsreisen durch das Land. Selbst am Kaiserhof in Trier schätzt man seinen Rat.

 

Stilicho bereist die Rheingrenze 396, 398

Alarich fällt in Italien ein 401

Stilicho, magister utriusque militiae, der für den elfjährigen Honorius die Regentschaft der westlichen Reichshälfte führt, bereist 396 und 398 die Rheingrenze und erneuert die von Eugenius 392-394 mit Franken und Alamannen geschlossenen Verträge. Gegen die 401 von Osten entlang der Donau in Rätien einfallenden Vandalen und Alanen schickt Stilicho Truppen von Oberitalien zu Hilfe.

Die Bindung der Streitkräfte des weströmischen Reiches nördlich der Alpen nutzen die Westgoten und fallen in Italien ein. Alarich, Fürst der Westgoten und Heermeister von Illyricum, führt im November 401 seine Westgoten über Aquileia durch Venetien in Richtung Mailand, um Kaiser Honorius in seine Gewalt zu bekommen. Mitten im Winter noch vor Ende 401, eilt Stilicho über die Alpen (von Como über den Julier) nach Rätien, um die Kämpfe gegen die Vandalen und Alanen zu beenden. Es gelingt ihm durch Verhandlungen, die ehemaligen Feinde für eine Kriegshilfe gegen die Westgoten zu gewinnen. Stilicho braucht jeden Mann, um mit Alarich fertig zu werden. Die Besatzungen der Grenzkastelle an Donau Iller, Argen, Bodensee und Rhein sowie die Truppen Britanniens erhalten Marschbefehl nach Italien. Mit einem stattlichen Heer, zu dem auch Alanen gehören, trifft Stilicho etwa im März 402 (wahrscheinlich über den Brenner) wieder in Italien ein. Die Westgoten sind der römischen Heeresmacht nicht gewachsen. Alarisch muß weichen - er verläßt Italien.

Ma12.jpg (13573 Byte)Honorius 395-423

Martinus stirbt um 400

Während einer Missionsreise stirbt Martinus in Candes (zwischen Tours und Angres) um 400. Die Bewohner von Candes wollen seinen Leichnam nicht herausgeben. Nur mit einer List und im Schutze der Nacht gelingt es den Freunden, Martinus von Candes nach Tours zu überführen, wo er am 11.November auf dem Friedhof vor den Toren der Stadt Tours mitten unter den Verstorbenen der Stadt beigesetzt wird.

Sein Nachfolger im Bischofsamt, Briccius, läßt über seinem Grabe eine Kapelle erbauen. Bischof Perpetuus (461-491) läßt die Kapelle alsbald durch eine Basilica ersetzen. Am Jahrestag seiner Bischofswahl (4.Juli. Martinus aestivus) und am Jahrestag seiner Beisetzung (11.November. Martinus hiemalis) kommen seit dem Anfang des 5.Jhds. Pilger aus allen Gegenden nach Tours an das Grab des Patrons der Soldaten, Reisenden, Bedürftigen, Gefangenen, Bauern und Hirten, des Beschützers der Haustiere, des Betreuers der Kranken, besonders der Aussätzigen.

 

Capella St.Martini von Franken verehrt

Als die Franken Gallien erobern - 486 besiegt Chlodwig die letzten römischen Truppen des Syagrius bei Soissons - übernehmen sie die Verehrung des Heiligen Martin von Tours. Der Frankenkönig Chlodwig läßt sich nach seinem Sieg über die Alamannen (496 ?) wahrscheinlich in Reims von Bischof Remigius taufen. Ein Mantel (capa, capella), der als der echte Mantel Martins gilt, wird im Frankenreich als kostbare Reliquie verehrt - nachweisbar seit dem letzten Viertel des 7.Jhds.

 

Von den Merowingern (Merowech ist Gaufürst der salischen Franken um die Mitte des 5.Jhds.) geht die Capella sancti Martini an die Karolinger über. Etwa um 800 wird der Name "capella", der ursprünglich die Mantelreliquie des Heiligen Martin bezeichnet, auf den Ort übertragen, an dem die Capella sancti Martini aufbewahrt wird. Capella wird zum Namen für ein Oratorium, für ein kleines Bethaus, die Kapelle. Den bei dem Gottesdienst mitwirkenden Sängerchor bezeichnet man ebenfalls als Kapelle. Die Aufsicht und Fürsorge für die Mantelreliquie "capella" wird den Capellani übertragen. Capellanus wird später (nach 850) der Tiel für den Hofgeistlichen. Heute bezeichnet Kaplan einen Hilfsgeistlichen.

 

Martinskirchen

Überall wo die christliche Lehre verkündet wird, entstehen Martinskirchen: in Schottland, Deutschland, Frankreich, Österreich, Italien. Charakteristisch für die frühen Martinskirchen ist ihre Lage, wie in Tours: vor den Toren der Stadt, vorzugsweise bei römischen Siedlungen, in Bonn, Neuss, Jülich, Zülpich etc.

Unter dem Schutze des heilige Martin stehen das Bistum Mainz und die Diözese Rottenburg. Mogontiacum/Mainz war in römischer Zeit Hauptstadt der obergermanischen Provinz (Provincia Germania superior) Sumelocenna/Rottenburg war Vorort des Gaues von Rottenburg (Civitas Sumelocennensis). Im mittleren Neckargebiet häufen sich Martinskirchen, in: Pfullingen, Plieningen, Metzingen, Neckartenzlingen, Neckartailfingen, Neuffen, Oberlenningen, Kirchheim-Teck, Stuttgart-Bad Cannstatt, Sindelfingen, Lauffen am Neckar u.a. Vielerorts gingen den Steinkirchen Holzkirchen voraus.

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Martinskirche Neckartailfingen Innenraum

Martinsfest am 11. November

Das seit der Mitte des 7.Jhds. zu Ehren des Heiligen Martin auf den 11.November angesetzte Martinsfest (Martinus hiemalis) wird zur Zeit Karls des Großen (768-814) zum allgemeinen Zinstag, an dem Kirchen und Klöster ihr Abgaben erhalten: Stier, Schwein, Gans, Huhn, Getreide, Wein etc. An diesem Tag wird der Martinswein von den Klöstern an die Bevölkerung ausgeschenkt. Man feiert den Abschluß des bäuerlichen Erntejahres und probiert den neuen Wein.

Es ist ein in vorchristliche Zeit zurückgehender uralter Brauch, an diesem Herbstfest, an der Wende vom Herbst zum Winter, eine Gans als Festbraten zu essen. Eine bretonische Geschichte erzählt, Martinus habe sich nach der Wahl zum Bischof von Tours in einem Gänsestall versteckt, sei aber von den schnatternden Gänsen verraten worden, weswegen die Gänse zur Strafe um Martini geschlachtet würden. Diese Geschichte ist aber jünger als der Brauch des Gänseschlachtens am Martinstag, den man im Hinblick auf die nun beginnende Advents-Fastenzeit feiert.

Das neue Pachtjahr beginnt, neue Dienstboten treten an, der Winter nimmt seinen Anfang: Martinus macht Feuer im Kamin. Am 11. November 1483 wird der tags zuvor geborene Sohn des Bergmanns Luther in Eisleben auf den Namen des Tagesheiligen "Martin" getauft.

Martinsfeuer

Am Vorabend des Martinstages werden im Rheintal zwischen Koblenz und Köln auf den Höhen kleine Feuer entzündet. Auch in der Eifel, in Holland und Belgien brennen Martinsfeuer. Dieser in vorchristliche Zeit zurückgehende uralte Brauch der Herbstfeuer ist ein Dank für die vollendete Ernte und zugleich eine Bitte für den Schutz der Wintersaat und der Herden.

Von diesen Feuern entnimmt man Brände und durchläuft mit ihnen die Saatfelder, da man dem Feuer segnende Kraft zuschreibt. Die Kinder ziehen mit Papierlaternen und beleuchteten Runkelrüben und Kürbissen durch die Straßen der Städte und Dörfer.

Am Abend des 11.November geben die Kinder unter dem Läuten der Kirchenglocken dem Heiligen Martin das Geleit. Martinus reitet in römischer Offiziersuniform auf einem Schimmel voraus. Im Zuge werden auch Gänse im Käfig mitgeführt. Martinus teilt mit dem Schwert seinen Soldatenmantel und gibt die Hälfte dem frierenden Armen. Die Kinder beschenkt der Heilige Martin mit Brezeln, Waffeln, Äpfeln, Birnen, Pfefferkuchen, Nüssen.

 

Neckartailfingen im November 2000 Ph. Filtzinger


philipp.filtzinger@uni-tuebingen.de